"Integration" und Ethnizität

Politische Konflikte und Tabus der Integrationsdebatte

Eine soziale Installation

Raul Kilter

 

Grundbemerkung

Die folgenden Ausführungen sind in mehrfacher Hinsicht unbequem. Sie rühren an soziale Fakten, die in der vollen Tragweite kaum öffentlich diskutiert werden. Sie erweitern aber aus einer universalistischen Perspektive die Integrationstheorie in Bereiche, die vom Autor zwar schon seit zwanzig Jahren immer wieder betont wurden, die aber weiterhin in der theoretischen und der politischen Diskussion nicht beachtet werden. Dass es für das Verschweigen in mehreren gesellschaftlichen Gruppen Partialinteressen gibt, wird sichtbar zu machen sein. Es geht hier insbesondere um die faktische soziale Position der MigrantInnen, den Identitätskonflikt der MigrantInnen zwischen zwei Bezugssystemen und die Ausbildung mehrer einander oft bekämpfender Gruppierungen innerhalb einer Minderheit. Schließlich werden auch die Idoelogiemilieus der Forschungs- und Betreuungseinrichtungen aufgezeigt, die sich des Problems der MigrantInnen annehmen. Moderne Gesellschaften sind weiterhin durch Ideologien und deren gesellschaftlichem Kampf  geprägt. 

Hinsichtlich der Überwindung dieses Zustandes wird von Cathrin Horner ein Grundrechtskatalog angeboten, der einen universalistischen Humanismus und Sozialismus offeriert. Dieser ist integraler Bestandteil auch dieser Studie. Die Überwindung von Ideologien ist nur in einem neuen Universalismus möglich, der selbst vor ideologischer Instrumentalisierung und Verengung geschützt ist.

Bau der Gesellschaft – Begriffsmodell

Vorbemerkung

  Das Modell der Figur 1 ist gleichsam eine Synthese aller in der Gesellschaft selbst über die Gesellschaft vorhandenen Theorien. Vor allem ist es eine praxis-bezogene Verbindung funktionalistischer und konflikttheoretischer (z. B. dialektischer, marxistischer usw.) Ansätze sowie der Makro- und Mikrotheorien, des Objektivismus und des Subjektivismus.

Der Autor hat das Modell bereits 1975 entworfen. Auch die neuesten integrativen Ansätze prominenter Sozialphilosophen und Theoretiker wie Habermas, Bourdieu und Giddens haben in ihren Versuchen, die Vielfalt der Makro- und der Mikro­theorien in einer einzigen Theorie zu vereinigen, keine wesentlichen Fortschritte gegenüber diesem Modell geboten.

Das Modell liegt weiterhin im Trend der Systemtheorie. Münch schreibt etwa: "Die Soziologie hat viele Anläufe zur Beantwortung der Frage nach der Integration moderner Gesellschaften genommen. Sie alle sind weder ausreichend noch wertlos. Es kommt heute darauf an, aus ihnen eine umfassende Theorie aufzubauen. Kein einzelner Theorieansatz kann für sich beanspruchen, umfassend genug konstruiert zu sein, um auf die anderen Ansätze verzichten zu können. Die Soziologie braucht weiterhin alle." Aus den einzelnen Theorien müsste nach Münch ein Theoriennetz geknüpft werden. Das Denken in Netzen ist zeitgemäß, aber selbst eine Folge medial induzierter Bewusstseinsveränderungen, die keineswegs die letzten Bewusstseinsparadigmen sein müssen.

Das Argument gegen derartige Systemansätze mag in der hohen Komplexität liegen. Es ist aber offensichtlich, dass soziales Handeln, das sich an Modellen orientiert, welche der faktischen Komplexität eines Systems nicht gerecht werden, bereits selbst diskriminierende Implikationen besitzt. Soziales und vor allem politisches Handeln, das komplexitätsreduzierend ist, bedeutet, wie zu zeigen sein wird, häufig selbst ideologische Verkürzung. Der Mut zur Komplexität ist daher geboten. Zur Systemtheorie gehören auch die hochkomplexen staatlichen Steuerungsprozesse fiskalischer oder sozialer Infrastrukturen. Sie sind Beleg dafür, dass Komplexitätsbewältigung auf hohen Niveaus möglich und letztlich auch effizient realisierbar ist. Eine Ausdehnung in andere Bereich erscheint daher nicht utopisch.  

Komplexität im Alltag

Es erscheint merkwürdig: Bereits Kinder werden in die Lage versetzt, komplexe Baupläne z.B. einer unten abgebildeten Lokomotive in allen Einzelheiten zu analysieren, die Funktionen und ihr Zusammenspiel zu berücksichtigen und das Gerät in seinen Teilen und im Gesamten zu verstehen. Bei der Analyse unserer Gesellschaft haben wir die größten Schwierigkeiten, die Komplexität ausreichend differenziert zu erarbeiten.

Die Lokomotive

 

Die Gesellschaft

 

Man muss im Gegenteil feststellen, dass die gegenseitige faktisch-reale Durchdringung aller relevanten Aspekte des Gesellschaftlichen in unserem Modell wesentlich transparenter wird, wenn sich dadurch auch andererseits die Komplexität für den Leser erhöht. Gerade der Umstand, dass sich aber manche Forscher und damit noch mehr die "einfachen" Bürger dieser Komplexität nicht stellen, führt zu Trivialisierungen und Fehlbeurteilungen gesellschaftlicher und politischer Phänomene. Um diese Behauptungen zu überprüfen, können etwa alle in einer Zusammenfassung der zeitgenössischen soziologischen Theorien enthaltenen Ansätze mühelos in unser Modell integriert werden. Wir werden an einzelnen Stellen des Modells auf diese modernen Makro- und Mikrotheorien sowie auf integrative Ansätze eingehen. Die Gesellschafts­theorien werden gleichsam aus den Höhen hochaggregierter Abstraktionsniveaus in die Niederungen eines pragmatischen Mediums eingetaucht, in dem das Unter­fangen der Analyse an der Komplexität des Ansatzes zu scheitern droht. Dass dieser Schritt bisher nicht ausreichend erfolgte, hat allerdings auch seine bitteren Folgen gezeitigt. Monokausale oder von partialen Elementen der Gesellschaft ausgehende Erklärungen des Gesamten haben zur Akzentuierung immer neuer Gegenpositionen, zu Erweiterungen und Relativierungen geführt. Diskriminierungsprozesse und ihr Sonderfall, der Rassismus, finden sich jedoch in allen Ecken und Enden des Systems, und jede Ecke und jeder Winkel des Systems hängt mit allen anderen Faktoren zusammen.

 

Faktor 1   Ebenen der Gesellschaft

Eine hochindustrialisierte Gesellschaft wäre gekennzeichnet durch folgende vier Ebenen, die ihrerseits in eine Mehrzahl soziologisch eindeutig abgrenzbarer Unterbereiche zerfallen.

 

       1.1          Religion – Kultur – Technologie – Wissenschaft – Kunst

       1.2          Sprache – Kommunikation – Medien

       1.3          Wirtschaft

       1.4          Politik – Recht (Verfassung, Verwaltung, Gerichtsbarkeit) – Ethik

 

Um eine Vereinfachung im sprachlichen Ausdruck zu finden, wollen wir diese Gesellschaft folgend bezeichnen:

 

                               (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System

Die Kriterien einer jeden Ebene sind natürlich auf alle anderen zu beziehen. (Es gibt daher eine Wissenschaft der Wirtschaft oder umgekehrt eine Wirtschaft der Wissenschaft, oder eine Ethik der Kultur und umgekehrt eine Kultur der Ethik usw. Die Beziehungen wären kombinatorisch durchzudenken und erforderlichen­falls für praktische Untersuchungen heranzuziehen.)

Hinsichtlich jeder Ebene sind für jede Gesellschaft die empirischen Realitäten möglichst ausführlich anzusetzen, insbesondere auch alle wissenschaftlichen Theorien, die sich mit diesen Bereichen der Gesellschaft beschäftigen. Selbst­verständlich beeinflussen bestimmte, einander oft bekämpfende Theorieansätze die Zustände in einer Gesellschaft. (In Russland vor der Perestroika gab es
beispielsweise nur eine einzige Wirtschafts- und Sozialtheorie und nur eine Philosophie. Alle anderen Modelle wurden unterdrückt.)

Es erscheint für die Sozialtheorie unerlässlich, alle Ebenen einzeln und auch in ihren Wechselwirkungen zu beachten. Habermas hat etwa in seinen ursprüng­lichen Analysen des Spätkapitalismus neben der rein ökonomischen Ebene auch die politische integriert (erhöhter Staatseinfluss), ist aber in seinen weiteren Analysen durch die Einbeziehung der Sprach- und Kommunikationstheorie zu völlig neuen, komplexeren Positionen (Universalpragmatik und Postulate kommunikativer Vernunft), gelangt.

  Faktor 2   Schichten

Für jede differenziertere Gesellschaft typisch ist die Gliederung in Schichten. Wer die Verbindung der Theorie der Ebenen der Gesellschaft mit jener der Schichten vernachlässigt, beraubt sich wichtiger Kriterien, die besonders für die Diskrimi­nierungsforschung unerlässlich erscheinen.

Die wirtschaftlich-funktionelle Teilung der Gesellschaft spiegelt sich in den Schichten, die als miteinander verbundene, aber auch im Gegensatz zueinander stehende

6 unterschiedliche (Sprach-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersysteme

  gelten können. Die Gliederung erfolgt nach dem Beruf, ist also auf Positionen in den Wirtschaftsprozessen bezogen. Die Gliederung repräsentiert in der Gesell­schaft strukturell verfestigte Diskriminierungselemente, die man grob als Unter­drückung oder strukturelle Gewalt (kondensierte Diskriminierungsstruktur) bezeichnen könnte.

  Zu fragen ist, ob und wie Schichtung in einer Gesellschaft nach der Position im Wirtschaftsprozess figuriert sein müsste, damit die Unterdrückungspotentiale beseitigt sind. Hier benötigen wir wiederum von den sozialen historischen Reali­täten weit entfernte Grundrisse, die, wie schon erwähnt, aus den Kategorien eines universalistischen Humanismus abzuleiten sind und welche im letzten Teil der Arbeit skizziert werden. Es geht um die Frage der Herstellung der Adäquanz sozialer Beziehungen. Auf jeden Fall wird eine "vollkommene" Gesellschaft keine Über- und Unterordnung der Schichten, sondern eine Nebenordnung besitzen, also eine horizontale Gliederung.

Für die westlichen Industriestaaten setzen wir folgende Schichten an:

   

6. Schichte "große" Selbständige, höchste Angestellte und Beamte, freiberufliche Akademiker; 5. Schichte "kleine" Selbständige; 4. Schichte mittlere Angestellte und Beamte; 3. Schichte niedere Angestellte und Beamte; 2. Schichte Facharbeiter; 1. Schichte Hilfsarbeiter und angelernte Arbeiter.

Wir können die Verbindung zwischen Ebenen und Schichten durch den umseitigen Aufriss unseres Modells in der Figur 1 verdeutlichen.

Dieser Schichtaufbau impliziert eine Wertorientierung aller Gesellschafts­mitglieder untereinander. Zu beachten ist, dass sich die Schichtposition eines höher positionierten Facharbeiters bis in die Bereiche der mittleren Schichten verschieben, wie sich umgekehrt die Position der "kleinen" Selbständigen über mehrere Bereiche der Mittelschicht erstrecken kann.

Es ist daher auch erforderlich, diese Überschneidungen zwischen beruflicher Schichtung und positioneller Schichtung miteinander zu verbinden.

 

Korte/Schäfers erwähnen einen Statusaufbau der BRD nach Hradil:

                        Oberschicht                                                                    ca.               2 %

                        obere Mittelschicht                                                       ca.               5 %

                        mittlere Mittelschicht                                                    ca.             14 %

                        untere Mittelschicht                                                      ca.             29 %

                        unterste Mitte/oberes Unten                                       ca.             29 %

                        Unterschicht                                                                   ca.             17 %

                        sozialer Bodensatz                                                       ca.               4 %

(Es ist bedenklich genug, wenn Forscher wie hier Hradil die unterdrückten, unterprivilegierten untersten Segmente der Gesellschaft als "Bodensatz" bezeichnen.)

In dieser Schichtung wird auch dem Umstand Rechnung getragen, dass Teile der Arbeiterschaft bis in die untere Mittelschichte, Teile der kleinen Selbständigen ("alter Mittelstand") bis in die obere Mittelschichte und schließlich Angestellte und Beamte ("neuer Mittelstand") von der oberen Mittelschichte bis zur untersten Mittelschichte reichen.

Jede Schicht ist durch andere (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Eigenschaften gekennzeichnet, wobei die Position im Gesamtaufbau bereits die Erziehungs­methoden, kognitive Strukturen usw. prägt.

Eine Schichte im Gesamtmodell ist in der Figur 1 gleichsam eine Scheibe, die herausgeschnitten etwa folgende Gestalt und folgende Eigenheiten besitzt:

In Theorieansätzen über Rassismus, Diskriminierungen usw. fehlen häufig die für die ökonomischen Funktionszusammenhänge essentiellen Schichtungen in einer Gesellschaft. Jede Schichte hat anderen Einfluss auf die Wirtschaftsprozesse und ist selbst ein anderer Faktor. Jede Schichte hat besondere, aus der Schichtzuge­hörigkeit tendierende, rassistische und faschistoide Tendenzen. Zu beachten ist umgekehrt, dass Politiker verschiedener Parteien in unterschiedlicher Weise rassistische, diskriminierende, nationale und religiöse Einstellungen bestimmter Schichten kennen, auf diese Rücksicht nehmen, sie in bestimmten Situationen des Gesamtsystems sogar verstärken und damit positive Entwicklungen verhindern. Schließlich ist vorgreifend zu beachten, dass nicht nur ökonomische Faktoren für die Schichtbildung relevant sind, sondern dass trotz vergleichbar gleicher ökono­mischer Situation (berufliche Qualifikation und Berufsausübung) Personen nicht der gleichen Schichte zugeordnet werden. Den besten Beweis hierfür liefern die als Fach- und Hilfsarbeiter in den Industriestaaten lebenden Ausländer, deren Zu­gang zu bestimmten qualifizierteren Arbeitsplätzen durch politisch motivierte Regelungsmechanismen, wie Höchstbeschäftigungsquoten oder durch bürokra­tisch überzogene Zugangshürden, beschränkt wird. Sie bilden eindeutig neue Unterschichten unter der untersten heimischen Schicht. Wir begegnen hier dem Phänomen der ethnischen Schichtung (siehe weiter unten).

Ein Blick auf die Ideologiemilieus der Ersten Republik bietet reichliches Material darüber, dass die Gliederung in Schichten keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Es gab etwa zwei radikale Ideologien, welche die Gliederung der Gesell­schaft nach Schichten nicht anerkannte. Die orthodox-marxistische, radikal-progressive Theorie ging vom Klassenbegriff aus und wollte über die Zerstörung aller kapitalistischen Klassen durch die Arbeiterklasse notfalls mit Gewalt über die Diktatur des Proletariats eine klassenlose Gesellschaft errichten und damit eine gewaltsame horizontale Nivellierung der bestehenden Klassengesellschaft erreichen. Die Reaktion aller Rechtsgruppierungen lehnte den Klassenbegriff ab und entwickelte über den Begriff des Standes eine rückwärtsgewandte, am hierarchisch mittelalterlichen Ständewesen orientierte Utopie, bei welcher die Arbeiterklasse mit den Ständen der Unternehmer in einen einzigen Stand integriert und damit inhaltlich weitgehend ihrer Selbständigkeit beraubt worden wäre. Hier wurde also eine vertikale hierarchische Strukturierung mit mittelalterlichen Herrschaftselementen propagiert. Auch ist wieder sichtbar, dass zwei Ideologien, die eine mit dem Ziel, eine horizontale, die andere, eine vertikale neue Struktur gewaltsam unter Zerstörung von Teilen des Bestehenden zu erzwingen, die Stabilität des bestehenden Systems in Frage stellten. Es war eine Gesellschaft mit einer zunehmenden Span­nung der Konfliktstruktur. Das historische Beispiel zeigt auch, dass die Begriffe, mit denen Angehörige eines Systems dieses erfassen, von Entwicklungen dieser Systeme nicht unabhängig sind und die Struktur dieser Gesellschaft selbst oft durch Destabilisierung beeinflussen. Daran schließen sich natürlich Fragen nach den Idealen künftiger Gesellschaften jenseits von Ideologien an; Fragen danach, ob es eine ideologiefreie Erkenntnis von Gesellschaft und Idealen künftiger Gesellschaftsformationen geben kann. Wie stellen sich die neuesten integrativen Theorien zum Schichtbegriff? Habermas geht in seiner ersten Phase (Habermas I) vom Fortbestehen der Klassengesellschaft aus, wobei allerdings nicht mehr Klassenkampf, sondern Klassenkompromiss mit wachsender Ausgleichsfunktion der Staatstätigkeit vorherrschen. In der kommunikationistischen Phase (Habermas II) treten klassenunspezifische Prozesse mangelnder Humanität in den Vordergrund. Stark betont wird die Schicht- bzw. Klassenzugehörigkeit wiederum bei Bourdieu, der die von uns noch deutlicher ausgeführten objektiven Schichtfaktoren für die Bildung des persönlichen Habitus herausarbeitet und neben dem ökonomischen Kapital des Einzelnen auch das kulturelle und soziale (symbolische) Kapital beachtet. In unserem Modell ist der Bezug des Individuums zu den Ebenen der Gesellschaft und zu seiner Schichte deutlich sichtbar. Auch Giddens geht von einer zentralen Bedeutung der Klassenstruktur aus.

  Faktor 3   Der Mensch

Im Zentrum des Raummodells der Figur 1 befindet sich die jeweilige Wohn­bevölkerung einer Schichte, wie in Figur 2 klarer erkennbar ist. Hierbei wird einerseits die prägende Wirkung der Ebenen und die Position im Gesamtaufbau auf den Einzelnen (hier des Facharbeiters und seiner Familie) sichtbar, anderer­seits zeigt sich die Wirkung, die von den einzelnen Menschen auf die Ebenen und die anderen Schichten ausgeht. Für jeden Menschen sind im Weiteren Geschlecht und Lebenszyklus Determinanten der sozialen Bestimmung. Hier ergeben sich weitere entscheidende Zusatzdeterminanten für die Rassismustheorie. In allen derzeitigen Gesellschaftssystemen ist etwa die Stellung der Frau in allen gesell­schaftlichen Kriterien hinsichtlich Ebenen, Schichten, auch der ethnischen Schichten usw., diskriminierend verfestigt.

Eine weitere wichtige Überlegung liegt im Phänomen des "Herausfallens" aus der Schichtung. Wird ein Angestellter oder Arbeiter arbeitslos, gerät er und seine Familie in eine gefährliche Randsituation, weil er seinen Integrationsgrad in der Schichte nicht halten kann. Es tritt eine Desintegration ein, die seine wirtschaft­liche, sprachliche, politische und kulturelle Identität bedroht, schwächt und schä­digt. Ein ähnliches Phänomen, für die Diskriminierungsforschung noch wichtiger, ist die Arbeitslosigkeit Jugendlicher, die nach der Ausbildung überhaupt keine Perspektive auf eine berufliche Verankerung in der Gesellschaft haben.

Faktor 3.1   Weitere Untersysteme (Minoritäten)

In den modernen Gesellschaften Mitteleuropas sind grundsätzlich zwei deutlich voneinander unterschiedene Arten von Minoritäten anzunehmen:

  · Autochthone Volksgruppen

  Darunter versteht man Gruppen, welche als Staatsbürger des Landes die allge-meinen Rechte aus der Staatsbürgerschaft besitzen. Darüber hinaus stehen ihnen aber – gewachsen aus historischen Entwicklungen – politisch-rechtlich, u. U. ver-fassungsmäßig abgesichert, als Minderheit besondere sprachliche und kulturelle (bisweilen auch politische) Identitätsrechte zu, deren Bestand und Erhalt geachtet, gesichert und gefördert wird. Die Inhalte dieser eigenen Identitätsrechte der
Minderheit differieren daher von den kulturellen und sprachlichen Inhalten der Mehrheitsgesellschaft.

  · "Neue" Minderheiten

Im Rahmen der Migrationswellen der letzten Jahre haben sich in Mitteleuropa neue Minderheiten niedergelassen, die teilweise die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes erworben haben, teilweise vom Erwerb jedoch restringierend ausgeschlossen werden, denen aber in beiden Fällen rechtlich-politisch gesonderte sprachliche oder kulturelle Identitätsrechte nicht zugestanden werden. Eine rechtliche Verankerung derartiger spezieller Minoritätenrechte, wie sie die autochthonen Volksgruppen besitzen, besteht nicht.

In den meisten Gesellschaften finden sich Minoritäten (z. B. völkische, religiöse oder völkisch-religiöse), die selbst wieder eine Schichtung aufweisen können und die in einer Spannung zur Gesamtgesellschaft stehen.

Wir gelangen jetzt zu einer der Kernthesen dieser Arbeit und wollen versuchen, uns derselben auf mehreren Wegen zu nähern.

  Faktor 3.1.1   Das Farbengleichnis

In Figur 1 haben wir ein Gesamtsystem dargestellt, das aus Ebenen besteht und in Schichten zerfällt – unser (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System. Die einzel­nen Schichten bilden Scheiben, eine hiervon haben wir in Figur 2 herausgeschnit-ten. Wir müssen nun, wenn wir etwa Österreich als ein solches System der Figur 1 ansetzen, davon ausgehen, dass trotz der durch die Schichtung bestehenden gewaltigen Unterschiede zwischen den Menschen der einzelnen Schichten sich diese selbst doch auch in allen 6 (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersystemen bestimmte Gemeinsamkeiten zusprechen, welche das Gesamtsystem kennzeichnen (System-Homogenität). Dies wird uns sofort klar, wenn wir uns vorstellen, ein türkischer Arbeitnehmer und seine Familie stoßen in dieses österreichische System vor. Wir werden zugeben, dass auf der sprachlichen Ebene vorerst Unverständlichkeit auf beiden Seiten herrscht, dass kulturelle und religiöse Einstellungen äußerst unterschiedlich sind, dass die wirtschaftlichen und politi­schen Haltungen des Türken völlig andere sind und er in Österreich bestimmte Rechte der Einheimischen nicht besitzt. Um diese Differenz zwischen der Mehr­heitsgesellschaft und dem Türken der Minorität im vollen Umfang zu erfassen, wollen wir uns u. a. eines Farbgleichnisses bedienen, da dieses eine Methode dar­stellt, die Fülle der Differenz klarzumachen. Nicht wir konstruieren durch das Farbengleichnis die Differenz, sondern das distanzierende Verhalten der Men-schen im System bringt uns zu diesem Gleichnis.

Wir stellen uns nämlich vor, dass das österreichische (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-System mit seinen 6 (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Untersystemen von den Bürgern als grün erfasst wird. Auch wenn, wie wir sagten, dass dieses System durch eine Vielzahl sozialer Kräfte ein gewaltiges Diskriminierungs-kondensat darstellt, so gibt es doch diese grüne Homogenität an Einstellungen und Haltungen, die im gesamten System gegeben sind. Wenn wir die Schichte der Facharbeiter herausnehmen, so wird zwar das Grün dieser Schichte ein wenig anders sein als jenes der reichsten Oberschichten, aber andererseits dürfen wir doch auch bestimmte Homogenitäten voraussetzen. Durch das Farbengleichnis soll auch keineswegs die im System von uns geradezu forciert dargestellte Vielfalt und Differenzierung sozialer Identitäten der Österreicher (Männer und Frauen, Identitäten im Lebenszyklus, in den verschiedenen Schichten) im System plötzlich auf eine Farbe reduziert und weggedacht werden. Diese Unterschiede bleiben sehr wohl weiterhin zu beachten. Dennoch konstruiert sich die Gesellschaft selbst diese Farbigkeit.

Die Persönlichkeit des Türken haben wir als "äußerst anders" erkannt und wollen sie uns einmal bildlich vorstellen.

 

Die Persönlichkeit des Türken ist daher lila. Er lebt bildlich mit einer lila Brille, durch die er die Welt und das grüne Mehrheitssystem sieht, in welches er einge­treten ist. Der österreichische Facharbeiter hingegen sieht alles durch seine grüne Brille des Mehrheitssystems und hat es daher wohl deutlich mit einer anderen Welt zu tun.

Vor welcher Situation steht also der Türke: Er sieht durch eine lila Brille eine Welt, die für die österreichische Mehrheitsgesellschaft grün ist. Bildlich taucht ein lila Mensch in ein grünes Wasser ein. Wie sieht dies grafisch aus?

Der Türke muss daher mit einer lila Brille grün sehen und leben lernen. Oder er sieht weiter durch seine lila Brille, ohne sich darum zu kümmern, was grün bedeutet oder was er tun müsste, um grün sehen und leben zu lernen. Fürs Erste

 

 

einmal ist für uns wichtig, dass wir uns darüber klar werden, dass sich der lila Türke der Minorität im Verhältnis zu einem grünen österreichischen Facharbeiter der Mehrheitsgesellschaft in einer wesentlich komplizierteren Lebenssituation befindet, die durch die Figur 4 in vollem Umfang sichtbar wird.

Dem Leser ist vielleicht die sogenannte "Kopftuchdebatte" bekannt, die es beson­ders in Frankreich gab. Muslimische (lila) Frauen wollten in öffentlichen franzö­sischen Institutionen und Funktionen das nach religiösen Vorschriften gebotene, die Haare verdeckende Kopftuch tragen, was mit den Kultur- und Rechtsvorstel­lungen und dem Standard der Frauenrechte in der grünen französischen Mehr­heitsgesellschaft kollidierte. Da andererseits die grüne Verfassung das Grundrecht der freien Religionsausübung besitzt, entstand ein logisch kaum lösbarer Konflikt. Ein anderes Beispiel ist der Vater eines türkischen Kindes, der in einer Wiener Schule die Abhängung des Kreuzes verlangte, da er sich in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlte. Derartige Fragen werden in der BRD gerade im Konnex des bedenklichen Begriffs der "Leitkultur" diskutiert.

Fürs Erste genügt es nun, dass wir uns im Weiteren stets dessen bewusst sind, in welchem Persönlichkeitskonflikt oder auch Identitätskonflikt sich die lila Minorität befindet.  

Vorweg sei bereits festgehalten, dass dieser Ansatz nicht auf die Variante beschränkt ist, wonach MigrantInnen labil in einem Konflikt zwischen grünen und lila Bezugssystemen wehrlos leben müssten. 

Die Theorie umfasst alle denkmöglichen Varianten der Identitätsbildung, die mathematisch und damit auch sozial möglich sind. In der gesellschaftlichen  Praxis bilden sich für unterschiedliche MigrantInnengruppen nicht alle denkmöglichen Varianten im selben Umfange aus. In Verbindung mit der Universalität des Ansatzes (vgl. die Grundrechtskataloge Cathrin Horners und den Atlas zur Sozialevolution von Peter Waldner) wird neben den grünen und lila Identitätskomponenten auch eine Universale Zentral-Instanz der Identität angenommen, über welche die Identitätsstrategien jeweils gesteuert werden. In der medientheoretisch beeinflussten neuesten Identitätstheorie wird multiple Identität auch als Netzwerk mit Knoten usw. erfasst. Man kann das obige Schema auch als Netz erfassen, aber bestimmte Knoten bleiben für die Analyse ebenso wichtig wie der Umstand einer Zentralinstanz, welche im Netz die Verbindungen und ihre Beziehungen und Gewichtungen verwaltet.

 

Verstärkung grün Universale Ich-Instanz Abschwächung bis Negierung lila
Balance von positiv grün  Universale Ich-Instanz und positiv lila
Reduzierung  bis Ablehnung grün Universale Ich-Instanz Verstärkung lila
Ablehnung grün Universale Ich-Instanz Ablehnung lila

Eine einzige Person oder ethnische Gruppe (community) kann infolge der Veränderung der Zustände im Gesamtsystem seine Identitätsstrategien auch mehrmals ändern. 

Da hier behauptet wird, es lägen neue Aspekte hinsichtlich einer systemtheoretischen, multivariablen Minoritätentheorie und der Vorurteilsbildung vor, mögen im Folgenden die wichtigsten gegenwärtigen Theorieansätze (gemäß der Zusammenfassung nach Heckmann) aufgeführt und integriert werden.

In diesem Kapitel wollen wir ausführlicher auch den derzeitigen Stand der Forschung zur Frage der ethnischen Schichtung aufführen und vor allem auch alle jene Forschungsergebnisse erwähnen, die bisher in der komplizierten Konstel­lation des Konfliktes zwischen einem lila Minderheits- und einem grünen Mehr­heitssystem für den Betroffenen der Minderheit erarbeitet wurden:

Heckmann etwa expliziert seine Thesen über Lösungsvarianten des Konflikts.

"Die Formulierung der Hypothesen erfolgt in einem ersten Schritt durch die Spezifizierung von Ausprägungen der objektiven Konstituierungsbedingungen marginaler Positionen; in einem zwei­ten Schritt werden jeweilige subjektive Verarbeitungsformen der Konfliktlösungsanforderungen genannt. Die jeweilige Erscheinungsform der ethnischen Orientierung wird – soweit möglich – auf Kategorien der 'klassischen' Marginalitätstheorie bezogen.

Hypothese 1 formuliert die Entstehung des Orientierungsmusters der Assimilierung.

 

Hypothese 1 (Assimilierung):

Bei relativer Schwäche oder Auflösung der Minderheitenkultur, einem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, aber relativer Offenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesell­schaft, bikultureller Bestimmung der Positionen und einer Lösung der Zugehörigkeits-, Selbstwert- und Kulturkonflikte durch Bekenntnis zur Mehrheitsgesellschaft, kommt es in marginalen Positionen zu Assimilierung.

Assimilierung ist der vollständige kulturell-, bewußtseins- und verhaltensmäßige Bezug auf die Mehrheitskultur und bedeutet die 'Aufgabe' der Minderheitenkultur; der 'Assimilierung' entspre­chen in der klassischen Marginalitätstheorie 'active/passive general orientation' bei Antonovsky (1956) und 'rebel reaction' bei Child (1943), der mit Rebellion die Ablehnung der Herkunftskultur bezeichnet.

Die folgende Hypothese befasst sich mit einem Muster, das gegenüber der 'Assimilierung' als 'neurotische' Form der Orientierung an der Mehrheitsgesellschaft bezeichnet werden kann und in der Marginalitätsliteratur überwiegend so diskutiert wird.

Hypothese 2 (Überanpassung):

Bei Schwäche bzw. Auflösung der Minderheitenkultur, starkem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen, und einer 'Bewältigung' der Zugehörigkeitsunsicherheit durch Abbruch und Leugnung von Beziehungen zur Herkunftsgruppe, 'Lösung' des Selbstwertkonflikts durch 'Identifikation mit dem Starken', d.h. der Mehrheitsgesell­schaft und 'Lösung' von Kulturkonflikten durch Verdrängung kultureller Widersprüche und von Sozialisationseinflüssen der Herkunftskultur, kommt es in marginalen Positionen zur Überanpassung.

Überanpassung ist ein Bezug auf die Mehrheitskultur und -gesellschaft, der durch die Leugnung und Verdrängung eines wichtigen Teils der überkommenen Biographie des Subjekts neurotische Züge trägt. In sozialwissenschaftlicher und belletristischer Literatur ist diese Orientierung häufig beschrieben und interpretiert worden: als Eifer der Konvertiten, als Chauvinismus und Super­patriotismus von Einwanderern der 2. Generation, auch als Selbsthass und 'Passing'-Verhalten (vgl. z. B. Stonequist 1937, 73, 193 ff.; Lessing 1930).

Hypothese 3 (Herkunftsorientierung):

Bei relativer Stärke der Minderheitenkultur, Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minder­heit mit relativer Geschlossenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft, bikultureller Bestim­mung der Positionen, einer Bewältigung der Zugehörigkeitsunsicherheit und des Selbstwertkon­flikts durch Bekenntnis zur Herkunftsgruppe, sowie bei einer Lösung des Kulturkonflikts durch Setzen einer Priorität für die Herkunftskultur, kommt es in marginalen Positionen zur Herkunfts­orientierung.

Herkunftsorientierung als orientierender Bezug auf die Minderheitenkultur schließt arbeits- und kommunikationsfunktionale Anpassung an die Mehrheitskultur, d.h. Akkomodation nicht aus. Der Herkunftsorientierung entspricht die 'in-group reaction' bei Child (1943) und mit Bezug auf die jüdische Gruppe die 'aktive/passive Jewish orientation' bei Antonovsky (1956).

Hypothese 4 (Marginalität):

Bei relativer Schwäche der Minderheitenkultur, einem Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen, und bei Unfähigkeit des Subjekts, Zu­gehörigkeits-, Selbstwert- und Kulturkonflikte einer Lösung zuzuführen, kommt es in marginalen Positionen zur Marginalität.

Marginalität ist gekennzeichnet durch die problematischen Attribute des 'marginal man': Verhal­tensunsicherheit, Stimmungslabilität, Entschlußlosigkeit und Orientierungszweifel, Gefühle der Isolierung und Machtlosigkeit sowie Minderwertigkeitsgefühle und Zukunftsangst (vgl. Stonequist 1937, 141 ff.). Der ambivalente Bezug auf Mehrheits- und Minderheitenkultur wird deutlich in Bezeichnungen der Herkunftsgruppe zugleich als 'wir' und 'sie' (vgl. Antonovsky 1956, 60). Die Literatur versteht Marginalität als eine 'neurotische' Form des Verhaltens. Marginalität wird dabei als Variable verstanden, deren Ausprägungen von leichten 'Störungen' bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen führen können.

'Duale Orientierung', deren Entstehung die folgende Hypothese thematisiert, darf nicht mit Margi­nalität verwechselt werden. Als beschreibende Kategorie wurde der Begriff von Antonovsky (1956) eingeführt; Überlegungen zur Entstehung dieses Musters finden sich dort allerdings noch nicht.

Hypothese 5 (Duale Orientierung):

Bei relativer Schwäche der Minderheitenkultur, hierarchischem, aber offenem Verhältnis zwi-schen Mehrheit und Minderheit, bikultureller Bestimmung der Positionen und Lösung des Zugehörigkeitskonflikts durch bewusste Anerkennung der Herkunft bei gleichzeitiger Offenheit gegenüber der Mehrheitskultur, bei 'Ich-Stärke' gegenüber Kultur- und Selbstwertkonflikten kommt es in marginalen Positionen zur dualen Orientierung.

Der Begriff der dualen Orientierung, der von Antonovsky (1956) eingeführt wurde, bedeutet einen verhaltensmäßigen und 'ideologischen' Bezug auf Minderheiten- wie auf Mehrheitskultur und schließt die Ablehnung von Assimilierung ein; sie beinhaltet eine gewissermaßen bikulturelle Persönlichkeitsstruktur und ist ein nicht-neurotisches, auf der Basis von Ich-Stärke sich heraus­bildendes Verhaltensmuster.

Die Orientierung der 'Politisierung', die wir abschließend diskutieren, greift Gedanken und Beobachtungen auf, die bei der Rekonstruktion der klassischen Marginalitätstheorie als 'positive Chancen' 'marginaler Situationen' begriffen wurden. Der Konflikt wird zum Movens von Aktivität und einer Neuorientierung der Person.

Hypothese 6 (Politisierung):

Bei Existenz einer Minderheitenkultur, hierarchisch-konfliktären Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit sowie relativer Geschlossenheit des Zugangs zur Mehrheitsgesellschaft, bikul­tureller Bestimmung der Positionen und bei Lösung des Zugehörigkeits-, Selbstwert- und Kultur­konflikts durch Bekenntnis zur Minderheitengruppe und dem Versuch, die Position der Minderheit aktiv zu verbessern, kommt es in marginalen Positionen zur Politisierung.

 

Politisierung ist gekennzeichnet durch aktives Eintreten für die Rechte und Interessen der unter­drückten Minderheit. Stonequist, der dieses Muster als 'nationalist role' diskutiert (vgl. Stonequist 1937, 160), glaubt, daß die bewusste Identifizierung mit der Minderheit Reaktion auf eine ge­suchte, aber zurückgewiesene Identifikation mit der Mehrheit sei."

 

Kritische Ergänzungen

Die gegenwärtigen Theorieansätze gehen zwar richtig von eigenen Mehrheits- und Minderheitssystemen aus, beachten den hierdurch gegebenen Orientierungs- und Identifikationskonflikt und die entsprechende ambivalente Identitätsunsicherheit des Mitgliedes einer ethnischen Minderheit. Vor allem die Marginalitätsthesen in ihrer alten und modernisierten Form sind in der Lage, bestimmte typische Erscheinungen der Minoritätsmilieus – wie Kulturkonflikt, Identitätsunsicherheit, Orientierungszweifel, Distanzkonflikte, ungeklärte Zugehörigkeit – zu erfassen. Auch weist Heckmann richtig auf drei Konstituierungsfaktoren hin:

a) Existenz einer ethnischen Minderheitenkultur (in unserem Modell ein lila Minderheiten-Bezugssystem). Diese wird aber nicht ausreichend als lila (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Minderheiten-Bezugssystem in einem grünen (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystems differenziert, was aber unerlässlich erscheint, wenn man die Theorie ausreichend allgemein und gleich-zeitig praxisbezogen ausgestalten will.

b) Hierarchieverhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitskultur. Hier erwei­sen sich unsere Ansätze als empirisch brauchbarer. Es erscheint unerlässlich, das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit – für jede einzelne Minderheit oder Ethnie – im Rahmen des grünen

Gesamt-(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystems zu untersuchen. Dabei stößt man dann auf die Vielzahl gesell­schaftlicher Diskriminierungsfelder, Machtgefüge im Kampf um geistige und materielle Ressourcen.

Essentiell ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die lila Minorität nicht einfach irgendwelche grünen (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werte der Mehrheitsgesellschaft usw. übernehmen kann, sondern nur solche, die ihr für ihre "Schichtfunktion" von der Mehrheit zugebilligt werden (Rollenzuweisungen). Im Weiteren sind die Inhalte der wichtigen grünen Negativformulierungen der Mino­ritäten (im Rahmen der diskriminierenden Vorurteile und Unterdrückung) konkret zu beachten. Die Kräfte der Inhalte der Vorurteile bilden wichtige Elemente der Identitätsbildung der Minorität.

Es ist daher in unserem Modell die Einbettung der lila Minorität in das grüne (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Mehrheitssystem durchzuführen, und vor allem kann dann der grün-lila-(Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Konflikt in allen formalen und inhaltlichen Varianten empirisch ausreichend erfasst werden. Soweit ersichtlich, fehlt bisher eine derart elaborierte Theorie des "marginal man". Identität ist immer (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Systemidentität, bei einer Minorität eben eine grün-lila Identität.

c) Bikulturelle Bestimmung durch Mehrheits- und Minderheitskultur. Gerade dieser Umstand kann in unserem Modell wesentlich präziser und empirisch befriedigender als in den bisherigen Theorien dargestellt werden.

Wichtig ist auch, dass eine Identitätstheorie für eine lila-grüne Persönlichkeit zufriedenstellend überhaupt nur im Rahmen einer Verdoppelung üblicher Sozia­lisationstheorienetwa der Rollentheorien – erstellt werden kann. Doppel-orientierung in formaler und vor allem inhaltlicher Sicht in Bezug auf zwei (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Bezugssysteme mit einer Vielzahl oszillierender, ambivalenter Lösungsmodelle durch den Betroffenen selbst sind die Folge.

Die Hypothesen 1 bis 6 bei Heckmann werden in das Modell (vgl. vor allem die Figur 4) einfügbar:

 Assimilierung

Versuch vom Lila der Minderheit zum Grün der Mehrheit zu wechseln, das Lila aufzugeben. Dass dies bei einer Sozialisation im lila Bezugssystem oder einem lila-grünen Bezugssystem nur schwer restlos möglich ist, erscheint klar. Die grüne Mehrheitsgesellschaft in den europäischen Aufnahmestaaten übt relevanten Druck in dieser Richtung aus. Schlagwärter wie "Leitkultur" und "Man muss sich als Ausländer anpassen" sind typisch.

 Überanpassung

Identifikation mit dem "starken Grün" der Mehrheit und Eifer des Konvertiten. Eine Verstärkung der Assimilation unter Verdrängung vorhandener lila Sozialisationsreste.

  Herkunftsorientierung

Verstärkter Bezug auf das Lila der Minderheit mit allfälliger Akkomodation an Grün in Teilbereichen. 

Aktuelle Beispiele:

a) Seit dem Attentat vom 11.9.2001 sind die islamistischen Gruppierungen in den Staaten der EU, die in dezidierter Ablehnung zu den grünen Systemwerten stehen, und teilweise als Staat im Staate agierten, verstärkt unter Beachtung.

b) Der Spiegel 45/2001: "Während die sogenannten Gastarbeiter der sechziger Jahre und deren Kinder noch um eine Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bemüht waren, registrieren die Sozialwissenschaftler bei den Kindeskindern der ersten Einwanderer nun einen zunehmenden "Rückzug in die eigene Ethnie". Noch vor zehn Jahren haben ausländische Kinder die deutsche Sprache durchweg besser beherrscht als ihre Eltern, heute ist es häufig umgekehrt." Als Grund wird eine "verstärkte Ausbildung ethnischer Strukturen" angegeben. Schlechtere Deutschkenntnisse bei der Einschulung führt zur Erhöhung der Zahl der "Bildungsverlierer". Bis zum Jahre 2010 wird sich nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die Zahl der jungen Ausländer ohne Schulabschluss auf 660.000 erhöhen.

Eine ausgezeichnete Analyse dieser "Selbstethisierung" liefert etwa Kien Nghi Ha: "Ethnizität, Differenz und Hybridität in der Migration. Eine postkoloniale Perspektive".

  Marginalität - "Zwischen zwei Stühlen"

Labile Identitätslagen zwischen lila (Minderheit) und grün (Mehrheit). Dies wurde in unserer Studie 1975 bezüglich der Gastarbeiter in der BRD und Österreich als überwiegende Identitätsform festgehalten. Zwischenzeitliche empirische Studien müssten nach diesen theoretischen Parameter hinterfragt, neue Studien, die sich dieser Kriterien bedienen, müssten angestellt werden. Eine naive Reformulierung der Marginalität findet sich in der Redewendung: "MigrantInnen befinden sich zwischen zwei Stühlen". Von kritischen Migrationstheoretikern der MigrantInnengruppen selbst wird diese Formulierung bereits heftig abgelehnt.

Zitat: " Ein berühmtes Bild war das der "zwischen zwei Stühlen Sitzenden". Die MigrantInnen wurden so nicht als handelnde oder denkende Subjekte, sondern als zur Passivität verurteilte, leidende Individuen abgestempelt. Als die "Armen" denen die Eingeborenen in zweifacher Weise helfen wollten: Entweder als HelferInnen, die ihnen paternalistisch den Weg in die "Integration" zeigen, oder als RückschieberInnen, die angeblich vor allem die Entwurzelung der MigrantInnen stört und darum "Zurück mit Ihnen in die Idylle ihrer malerischen Heimatdörfer". Die Bunte Zeitung 2/2001.

Auch Migrationstheoretiker, die nicht in eine der beiden obigen Gruppen fallen, hätten zu beachten, dass es infolge etwa der hier geschilderten Ausgrenzungsprozesse der Mehrheit zur Verfestigung der meisten MigrantInnen in neuen Unterschichten unter den untersten bisherigen Schichten kommt, und dass es bei derartigen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Distanzierungen und Unterdrückungen sehr wohl zu bedenklichen und labilen Individual- und Gruppenprofilen an Identität kommen kann. Diese Fakten nicht zu beachten, wäre sicherlich auch für aus dem Kreise der MigrantInnen selbst kommenden SprecherInnen bedenklich. Die MigrantInnen in diesen Unter-Unterschichten bleiben sehr wohl handelnde und denkende Subjekte, aber ihre Artikulationsspielräume sind sicherlich äußerst beengt.

  Duale Orientierung - nicht "zwischen zwei Stühlen sondern die ganze Couch"- Bindestrich-Identität - Mehrfachidentität

Balancierte lila-grüne Persönlichkeitsstruktur mit ausgeprägter Ich-Stärke. Diese Variante einer Gruppen- und Individualstrategie geht davon aus, dass eine Person, oder eine MigrantInnengruppe in der Lage ist, sich in einer bestimmten Schichte der Gesellschaft die grünen Systemkriterien positiv anzueignen. Gleichzeitig identifiziert sie sich jedoch ausdrücklich und nachhaltig auch mit Lebens- und Wertbezügen ihrer Ethnie aus der Heimat. Sie schafft eine "konfliktfreie" Balance zwischen grünen und z.B. lila Werten, die sie gleichzeitig realisiert und in einer dualen Variante in FIGUR 4 integriert. Diese Persönlichkeit fordert aber auch, sich die jeweiligen Balancen und Gewichtungen zwischen grün und lila (oder rot usw.) selbst ändern zu können also auch nicht gezwungen zu sein, in einer Gruppe (community) mit einer fixen Balancenverteilung zwischen den beiden Bezugssystemen für immer verbleiben zu müssen. Der Begriff der "Bindestrich-Identität" stammt übrigens aus der Tradition der internen jüdischen  Identitätsdebatte, auf die hier öfter hingewiesen wird.

Konkrete Beispiele:

a) "Es geht um meine kulturelle Identität." sagt Imane Habboub, eine Studentin der Sozialwissenschaften in Evry. "Diese ist gemacht aus den  Zutaten Frankreich, Maghreb, Islam, Großstadt, Vorstadt, eine Mischung." "Ich bin nicht Französin, nicht Muslimin, nicht Marokkanerin, ich bin alles drei und noch mehr." "Jetzt zeigen sie mit dem Finger auf uns, jeder zeigt mit dem Finger auf mich und alles landet in einem Topf: Islamisten, Integristen, Schiiten, Sunniten, Paschtunen, Afghanen, Araber, egal, alles eins." Spiegel, 44/2001.

b) "Dieses Konzept einer Immigrationsgesellschaft bricht bewusst mit der hierzulande beliebten These der einen Identität des Staatsvolkes und ermöglicht und anerkennt Mehrfachidentitäten der Mitglieder der Gesellschaft. Die aus den achtziger Jahren stammende und sich in Österreich leider noch immer hartnäckig haltende Floskel des 'Zwischen-den-Stühlen-Sitzens' von eingewanderten Menschen und ihren Nachkommen ist hingegen der Vorstellung des 'Entweder-Oder' verpflichtet. Zusätzlich erleben wir derzeit einen konservativen Backslash, mit dem die relativ junge Debatte zu Gleichberechtigung in und Multikulturalität dieser Gesellschaft mit der Forderung nach einer 'Leitkultur' im Keim erstickt werden soll."..."Daher kann auch das alte Konzept des 'Zwischen-den-Stühlen-Sitzens' den Lebenszusammenhängen und Strategien von Eingewanderten nicht gerecht werden. Es definiert nämlich ihre Leistung und Lebensqualität, in mehreren Welten und in der Ambivalenz 'zu Hause zu sein' statt in einer - vermeintlichen - Eindeutigkeit in einer Mehrheitskultur, zum Manko um und hat jahrelang die Vorstellung einer nationalen Monokultur verfestigt."..." Gerade angesichts der politischen Brisanz der Selbstdefinition eines Staates bzw. einer republikanischen Gesellschaft geht es bei der Frage der kulturellen oder Bindestrich-Identitäten um die Definitionsmacht. Sind Minderheitenangehörige selber in der Lage, ihre mehrfachen Zugehörigkeiten und deren Bedeutung für ihre Gesellschaft zu definieren, oder erfolgt von der Dominanzgesellschaft eine Zuschreibung 'ihrer' Identität?"..."Wenn Diversität als Regel und nicht als Ausnahme anerkannt wird, geht es um Akzeptanz und Respekt für mehrfache, soziale, religiöse, sprachliche, sexuelle u.a. Verortungen, die gleichzeitig bestehen und das komplexe Gebilde der 'Identität' ausmachen. In einer Gesellschaft, in der Kultur und communities offen erlebt werden, muss es aber auch möglich sein, eine community wieder zu verlassen."... "Nachdem Repräsentation und Identifikation immer mit Interpretation zu tun haben, können Identitäten nicht einem starren, unwandelbaren Mythos verpflichtet werden."... "Was heißt das für uns Angehörige von sprachlichen und/oder 'ethnischen' communities? Dass der Versuch der  Mehrheitsgesellschaft uns auf die eine oder andere Seite zu 'verbuchen' scheitern muss."... "Wenn wir davon ausgehen, dass Identifikation auf Anerkennung einer gemeinsamen Herkunft oder Zukunft, auf dem Bewusstsein von miteinander geteilten Interessen und Merkmalen beruht, dann haben wir solche Bindungen nicht nur zu einer Kultur, Herkunft, Religion, Tradition, Sprache sondern eben zu mehreren, in denen wir situiert sind. Das heißt aber gleichzeitig, dass das, was uns ausmacht, nicht mit dem klassischen 'Österreicher-Sein' und/plus 'TürkIn-Sein' ( 'BosnierIn-Sein', 'KurdIn-Sein' usw.) beschrieben werden kann. Nicht nur wir haben eine Wandlung durchgemacht, wir haben dabei auch die gängigen Konzepte von Nationalkultur gemeinsam transformiert, und zwar sowohl für unsere Herkunftsgesellschaften als auch für unsere 'neuen Heimaten' ".."Zwischen den Stühlen sitzen wir nicht, höchstens auf mehreren gleichzeitig. Und es gibt auch keinen plausiblen Grund, sich mit irgendwelchen  Nischen zu begnügen. Warum die Frage der kulturellen Identität in Form eines Kampfes um kulturelle Hegemonie geführt wird,  hat eben auch den Grund, dass manche nur die Luft zwischen den Stühlen bekommen und nicht auf der Couch Platz nehmen dürfen (sollen). Die gehört aber uns allen in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft. Und wir erheben Anspruch auf die Couch". Alev Korun in "Stimme von und für Minderheiten", II/2001.

Soll daher die Frage möglicher Definitionen der ambivalenten Bindestrich-Identitäten von MigrantInnen- communities aus dem Macht- und Dominanzbereich der Mehrheitsgesellschaft herausgelöst und in einem demokratisch-liberalen Sinne der "ethnischen" MigrantInnen-community übertragen werden, dann müssen zuerst die Dominanzstrukturen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der Minderheit konkret erfasst werden. Die geschieht für die hier in Rede stehenden communities in unserem Gesellschaftsmodell in einer deutlichen  und ausreichend differenzierten Weise. Soll die Frage möglicher Definitionen der ambivalenten Bindestrich-Identitäten von MigrantInnen - communities nicht einem starren Mythos verpflichtet bleiben, dann muss die Identitätsdebatte aus ideologisch-mythischen Bereichen so weit generalisiert und universalisiert werden, dass alle irgendmöglichen Identitätskonzepte und Strategien in dieser Theorie ihren Platz finden können. Dies erscheint in unserem Konzept (FIGUR 4 in Verbindung mit dem Gesellschaftmodell) in Verbindung mit den Grundrechtskatalogen geleistet. Inwieweit bestimmte ethnische communities oder Teile ihrer Mitglieder die Möglichkeit haben, derart balancierte Identitäten auszubilden hängt jedenfalls sehr von ihrer Positionierung im Schichtsystem der Gesamtgesellschaft ab. Für Personen oder Gruppen, die aus dem Unterschicht-Unterschichtstatus durch Bildung und Positionierung im Arbeitsprozess aufgestiegen sind, wird dies leichter sein, als für jene, die ohne Perspektive sozialen Aufstieges am untersten Platz der Schichtung fixiert bleiben. Dies ist derzeit aber in der BRD und in Österreich ein hoher Anteil der MIgrantInnengruppen.

c) Ein weiteres wichtiges Modell für eine bi-kulturelle Identitätsstrategie bietet Rainer Bauböck(1998). Im Rahmen liberaler politischer Staatskonzepte sollte für die MigrantInnen-Gruppen eine Art Minimal-Akkulturation (required acculturation) als ausreichend anerkannt werden. Sie sollte als ausreichende Bedingung der Assimilation gelten. Weitere Assimilationsschritte sollten den MigratInnen-Gruppen in einem voluntaristischen Rahmen und mit breiten Wahlmöglichkeiten der Grade einer solchen Assimilation eingeräumt werden, ohne dass die Mehrheitsgesellschaft einen solchen Multikulturalismus  von oben her strukturiert und verfügt. Im Rahmen einer additiven Akkulturation und Assimialtion sollten multiple kulturelle Mitgliedschaften anerkannt und akzeptiert werden, wobei eine gleichzeitige Beziehung der Person oder Gruppe zu mehreren kulturellen Systemen erfolgt und auch rechtlich und politisch anerkannt wird. Bauböck beachtet auch, dass die Dominanz des Systems der Mehrheitsgesellschaft eine Reihe von Asymmetrien für die MigratInnen-Gruppen reproduziert. Die Pallette der Wahlmöglichkeiten müsste daher in liberalen Systemen erhöht werden, indem die Grenzen der nationalen Kultur für Migranten durchlässiger gemacht werden. Diese Erhöhung des Spektrums an Wahlmöglichkeiten müssten vor allem als Voraussetzung dafür anerkannt werden, dass die Migrantinnen-Gruppen innerhalb rigider politischer und kultureller Abhängigkeiten erhöhte Autonomie gewinnen. Dies müsste zur Anerkennung des Umstandes führen, dass diese neuen Gruppierungen im Rahmen der Pluralisierung des Systems neue kulturelle communities darstellen, die im manchen Fällen distinkte und relativ stabile ethnische Minoritäten bilden.

Wird die Identitätsdebatte in der geschilderten demokratisch-liberalen Weise in Richtung auf  zunehmende Selbstbestimmungsstrukturen der "ethnischen" communities hin erweitert, ist eine interne Diversifizierung  im Selbstdefinitionsrecht der "ethnischen" community unbedingt anzuerkennen und zuzulassen, was aber heißt, dass es zur Ausbildung politischer Differenzierung in der Frage der internen Identitätsdefinitionen der Gruppe kommen muss. Erfahrunsgemäss bilden sich auch hier mehrere rivalisierende Gruppierungen innerhalb der community mit unterschiedlichen  Gewichtungen innerhalb der Bindestrich-Identitäten.

Politisierung

Verstärkung des lila Minderheitenkerns oder revolutionäre, utopistische oder messianische Ablehnung von lila und grünen Bezugssystemen. Thematisierung des Diskriminierungsdruckes und Politisierung in Richtung auf Änderung der Minoritätensituation.

" Ich bin gegen Nationalitäten. Ich bin kein Deutscher, ich bin kein Türke, ich bin ein Mensch." Dies erklärt der 20-jährige Oktay Özdemir, Schauspieler im Film "Knallhart". Standard 28.3.2006

Hinsichtlich der Verstärkung des lila Minderheitenkernes scheinen auch die Untersuchungen in der BRD nun zu bestätigen, dass derartige "Endergebnisse" nach drei Generationen in der "Integration" zu bestehen scheinen. In einem Beitrag im Spiegel 10/2002 wird aufgedeckt, dass "mitten in Deutschland Millionen von Immigranten in blickdichten Parallelwelten nach eigenen Regeln von Recht und Ordnung leben. Vor allem fallen auch die Kinder der dritten Generation im Gegensatz zu denen der zweiten weiter im Bildungsniveau, in der Sprachkompetenz und in den Aufstiegschancen zurück. Zunehmend bilden sich ethnisch verstärkte Subkulturen mit geringem Verbindungsgrad zu Rest der Gesellschaft aus.

Uns erscheint wichtig, besonders zu beachten, dass eine einzige Person im Laufe ihres Lebens mehrere dieser Identitätsstrategien gleichzeitig und hintereinander realisieren kann. Auch gibt unser Modell einen Einblick in den Umstand, dass bei Kindern von Minoritäten die labilen Identitätslagen ihrer Eltern Identifikations­basis sind und durch die wechselnden Identitätsstrategien der Eltern noch viel komplexere Identitätsmilieus entstehen, die aber sorgfältig beachtet werden müssen.

Identitätsstrategien der Minoritäten (Grundstruktur)

Für alle Integrationsbemühungen von Minoritäten ist eine der wichtigsten Überlegungen dieser Arbeit zweifelsohne das Erfordernis der Ausarbeitung bestimmter faktischer Tatsachen, die erst in diesem Modell in der vollen Bedeutung sichtbar werden.

Grundsatz: Die Identitätsstrategien der Minorität spielen sich nicht im luftleeren Raum ab und auch nicht in einem Spektrum von Wahlmöglichkeiten, aus denen die Minorität zwischen lila und grün wählen könnte. Es ist also nicht so, dass die Minorität gleichsam von sich aus entscheiden könnte, in welchem Ausmaß und mit welchen Inhalten sie sich grüne Werte der Mehrheitsgesellschaft aneignen will und wie weit sie bei lila Werten der Minderheit verharren oder sich auf jene zurückziehen will. Die Juden in Europa mussten dies z. B. im Rahmen der sogenannten Assimilationsversuche bitter erfahren. Die Bemühung um einen Übergang zu grünen Werten der Mehrheitsgesellschaft erfolgt nämlich in der Regel unter zum Teil starken Ablehnungs-, Ausschließungs- und Bedrohungskräften der Majorität bzw. den negativen Rollenvorgaben, welche diese der Minorität als die einzigen "grünen" sozialen Funktionsrollen aufzwingt. (Vgl. etwa die Rolle der Juden im christlichen Mittelalter und in der Phase der Emanzipation.)

 

Die Varianten ereignen sich in folgender Struktur:

1 Þ      Der eine wird versuchen, durch eine Überidentifikation mit den grünen Werten und Faktoren der Mehrheitsgesellschaft seine lila Minderheits-Identitäts­elemente zu verleugnen (z. B. Assimilation der Juden);

 

2 Þ      der andere wird sich radikal auf seine lila Minderheitselemente zurückziehen, diese extrem betonen;

 

3 Þ      der Dritte wird sich nach außen den grünen Werten der Mehrheitsgesellschaft anpassen, die lila Minderheitselemente innerlich, ohne jedoch aufzufallen, bewahren und erhalten, u. U. sogar heimlich verstärken;  

 

4 Þ der Vierte wird bei großer Ich-Stärke eine individuell oder über eine Gruppe formulierte Balance zwischen lila und grün verwirklichen;

 

5 Þ      der Fünfte wird die lila Minderheits- und die grünen Mehrheitselemente ablehnen und in utopischen, radikalen oder gemäßigt-progressiven oder in der Vergangenheit zu findenden reaktionären Wertsystemen eine Überwindung des Konfliktes versuchen ("Links"- und "Rechts"-Utopien), aber auch Zionismus als "Weg ins Freie", Messianismus oder Apokalyptik sowie universalistische Konzepte.

 

Faktor 4   Dimension des Raumes – Geographie

Die Dimension des Raumes ist unerlässlicher Aspekt bei der Erkenntnis sozialer Phänomene. Im Atlas wird z. B. der markante Gegensatz zwischen den Bundes­ländern und dem "roten" Wien in ideologischer Hinsicht deutlich. Die geogra­phische Verteilung der Bevölkerung auf dem Staatsge­biet bedingt weitere typische soziale Differenzierungen und Eigentümlichkeiten. Alle bisherigen Elemente (Ebenen, Schichten usw.) sind mit diesem Faktor und seinen Wirkungen durchzudenken.

Auch für die Rassismusforschung sind diese Aspekte von Bedeutung (Ghettobil­dung der Juden, Segregation der Migranten, Siedlungsformen der verfolgten Protestanten, Probleme der völkischen und religiösen Regionalzersplitterung auf dem Balkan mit Problemen der Enklaven, Reservate der Indianer in den USA usw.).

Unser Atlas macht deutlich, dass es eine entscheidende Verteilung der Ideologien nach Stadt und Land, einen Gegensatz zwischen dem "roten Wien" (Austro-marxismus) und den Bundesländern (Rechtsideologien) gab.

In den aktuellen Sozialtheorien hat besonders Giddens auf die Dimension des Raumes Wert gelegt.

 

Faktor 5   Dimension der Gegensätzlichkeiten – Konflikte – Krisen

Die bisherigen Ansätze sind in den soziologischen Richtungen des Funktiona­lismus besonders betont. Die folgende Dimension bringt die konflikttheoretischen (meist auch dialektisch orien­tierten) Schulen in das Modell ein. Während das bisherige Raummodell eher ein ruhiges Fließen von Funktionen suggeriert, betrachtet diese Dimension die Vielzahl und Arten der Gegensätze und Konflikte in der Gesellschaft.

 Faktor 5.1   Innerpsychischer Gegensatz – Mikrotheorien

Innerpsychische Gegensätze werden nach den verschiedenen Schulen der Psychologie unterschiedlich begrifflich gefasst.

Die wichtigsten Richtungen der zeitgenössischen Psychologie sind:

Behaviorismus und Positivismus ( auch Rassenpsychologien und -physiologien),

Psychoanalyse mit Nachfolgern Freuds,

Humanistische Psychologie,

Transpersonale Psychologie,

Grund- oder Ur-Psychologie (Or-Om-Psychologie).

Es handelt sich hier um eine grobe Vereinfachung. Es wäre aber völlig ausge­schlossen, hier alle Schulen und Aspekte aller Schulen der Psychologie auch nur in Übersicht anzugeben. Psychologien haben jeweils ihre eigenen Erkenntnis­theorien und deren Grenzen. Wie in den Erkenntnistheorien, die im letzten Teil behandelt werden, gehen wir von einer Stufenfolge der Arten der Psychologie­schulen aus. Der Behaviorismus geht von den engsten Erkenntnisgrenzen aus und ist daher für die menschliche Psyche auch selbst das engste Gefängnis. Transper­sonale Psychologien gehen davon aus, dass der Mensch auch mit dem absoluten Grundwesen in Verbindung steht, und die Ur-Psychologie geht von einer bisher nicht erkannten psychischen Kategorialität aus, die an der unendlichen und absoluten Grundessenz abgeleitet wird.

Wird die menschliche Identität an den Universal-Kategorien der Essentialität des Grundwesens abgeleitet, wie dies im letzten Teil dargestellt wird, dann ergeben sich für die Psychologie völlig neue Grundlagen, die aber in der weiteren Ent­wicklung der Menschheit zu entfalten sind, wenn sie eine Gesellschaftlichkeit erreichen will, in der alle möglichen Gegensätze harmonisch synthetisiert werden können.

Mit Nachdruck sei festgestellt, dass eine grundlegende Änderung und Besserung in den Problemen sozialer, religiöser und "rassischer" Diskriminierung über bestimmte sich ständig wiederholende Niveaus hinaus nur möglich ist, wenn die Identitätstheorie eine Vertiefung in Richtung auf die unendlichen und absoluten Grundstrukturen hin erfährt, wobei aber selbst die religiöse Dimension über derzeitige Konfliktniveaus hinausgeführt werden muss.

Diese Grundpsychologie ist dann auch die Basis einer erweiterten Identitäts­theorie. Einerseits wird die Identität einer jeden Person in einer Gesellschaft in allen Beziehungen durch diese vertieften Grundlagen neu definiert, andererseits liegen darin auch die Grundlagen zur Lösung der Konflikte der komplizierten Identitätsstrategien der Minoritäten im Spannungsfeld der grünen Werte der Mehrheit und den lila Determinanten der Minderheit.

Diese Identitätsgrundlagen sind bei allen Mitgliedern einer Gesellschaft die adäquatesten Parameter einer umfassenden Toleranz.

Faktor 5.1.1   Verbindung Psychologie – soziale Identität

Wir erwähnten bereits, dass die soziologische Theorienbildung sowohl Makro- als auch Mikrotheorien entwickelte, wobei schließlich in integrativen Ansätzen versucht wurde, die beiden Gruppen zusammenzuführen. Mikrotheorien gingen hierbei vom Individuum aus, versuchten vor allem gesamtgesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen aus der individuellen Ebene heraus zu erklären.

 ·    Treibel 2000 führt als Gruppen von Mikrotheorien etwa an:

          das individuelle Programm – Verhaltens- und Nutzentheorien (Homans, Opp, Coleman);

          das interpretative Programm – Symbolischer Interaktionismus und Phänomenologie (Mead, Blumer, Husserl, Schütz, Berger/Luckmann);

          Geschlecht als soziale Konstruktion, die wir bereits oben erwähnten.

 ·    Als Ansätze der Überwindung des Makro-Mikro-Dualismus erwähnt sie:

          Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas);

          die Gesellschaft der Individuen (Elias);

          Kultur, Ökonomie, Politik und der Habitus des Menschen (Bourdieu);

          Dualität von Handlung und Struktur (Beck, Giddens);

          Konstituierung des Geschlechterverhältnisses (Bilden, Hannoveraner Ansatz, Thürmer-Rohr, Hochschild).

Es wäre völlig ausgeschlossen, die Summe aller Ansätze und ihre Verflechtungen hier inhaltlich zu berücksichtigen, wenn auch kein Zweifel daran besteht, dass alle diese Theorien in unser Modell integriert werden können. Sie sind ja selbst Teile des Systems und beeinflussen ständig die Entwicklung desselben.

In einer vereinfachten Form versuchen wir fortzufahren:

Mit dem Hineinleben in die Gesellschaft ab der Geburt werden soziale Identitäten gebildet, wobei die bereits bisher erwähnten Faktoren 1 – 4 (für jeden unter-schiedlich) mitwirken.

Hier sind alle geltenden Theorien der Sozialisation zu berücksichtigen (z. B. die Habermas'sche Rollentheorie, die wir später behandeln werden).

  Im Rahmen der sozialen Identität entwickelt jeder die

 

                  Auswahl-, Bewertungs- und Ordnungsstrategien und -muster

seines Verhaltens gegenüber den anderen Mitgliedern des Systems, auch seine "ökonomische Identität" (in Beruf und Freizeit, als Konsument und Produzent usw.), aber auch seine religiöse, kulturelle und national geprägte Identität.

Vergegenwärtigen wir uns dies wiederum an einem Facharbeiter in der obigen Figur 2. Aus den ihn in seiner Familie usw. umgebenden Zuständen der Schichte in wirtschaftlicher, politischer, kultureller und sprachlicher Hinsicht entwickelt er seine Identität, sehr wohl aber im Gesamtgefüge der anderen Schichten, die über und unter ihm sind. Vor allem die Summe dieser Über- und Unterordnungen sind für seine Identität sehr wichtig, sie lassen ihn erkennen, dass er in vieler Hinsicht diskriminiert, unterbewertet und missachtet ist.

  Die Sozialisation der Kinder von Minoritäten

Auch hier gelten mit besonderem Nachdruck die obigen Überlegungen zur Identi-tätsbildung von Minoritäten.

Grundsatz:

Die Identitätsstrategien der Minorität spielen sich nicht im luftleeren Raum ab und auch nicht in einem Spektrum von Wahlmöglichkeiten an Wertbereichen, aus denen die Minorität zwischen lila (Minderheit) und grün (Mehrheit) wählen könnte. Es ist also nicht so, dass die Minorität bei ihrer Integration in ein grünes Mehrheitssystem gleichsam von sich aus entscheiden könnte, in welchem Ausmaß und mit welchen Inhalten sie sich grüne (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werte der Mehrheitsgesellschaft aneignen will und wie weit sie bei Lila verharren oder sich auf jenes zurückziehen will. Die Bemühung um einen Übergang zu grünen (Sprache-Kultur-Wirtschaft-Politik)-Werten der Mehrheitsgesellschaft erfolgt nämlich in der Regel unter zum Teil starken Ablehnungs-, Ausschließungs- und Bedrohungskräften der Majorität bzw. den negativen Rollenvorgaben, welche diese der Minorität als die einzigen "grünen" sozialen Funktionsrollen aufzwingt.

Die Kinder der Minoritäten übernehmen die komplexen Identitäts-, Wertungs-, Auswahl- und Ordnungsstrategien und -muster ihrer Eltern als Konflikt zwischen lila Werten der Minderheit und grünen Werten der Mehrheit.

Sie leben im Verhältnis zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft in einem wesent­lich komplizierteren und wohl auch labileren Identitätsmilieu ihrer Eltern. Es besteht kein Zweifel daran, dass derartige Identitätsmilieus durch die dialektische Spannung zwischen den lila Determinanten der Minderheiten und den grünen der Mehrheit bestimmt sind.

Innerhalb des Spannungsfeldes können Personen selbst u. U. heftigen Bewegungen und Oszillationen zwischen den oben erwähnten Identitätsstrategien 1 – 5 ausgesetzt sein, wodurch natürlich bestimmte psychische und intellektuelle Persönlichkeitstypen entwickelt werden, die sich deutlich von jenen der anderen Personen in der Gesellschaft unterscheiden, die aber wiederum eine Art Potenzierung der Distanz fördern, welche wiederum Ausgrenzung fördert.

Kinder von Minoritäten leben daher im Sinne der Figur 4 in einer noch komplizierteren Lage: Es ist die Spannung zwischen den erwähnten Elementen der Minderheit und Mehrheit, in die sie hineinwachsen.

Die Identität des Kindes wird primär dadurch bestimmt, welchen der Lösungswege 1 – 5 in der obigen Systematik die Eltern beschreiten. Da auch bei den Eltern während der Entwicklung des Kindes Schwankungen zwischen 1 – 5 eintreten können, wird die Identitätsbildung des Kindes weiter labilisiert. Andererseits haben bekanntlich viele Eltern, die selbst das Grauen des Holocaust nicht bewältigt haben, versucht, den Kindern dieses zu verschweigen, wodurch jene nach Kenntnis desselben in schwere Labilisierungen ihrer Identität gebracht wurden.

Auch für die Entwicklung des Antisemitismus und die Entwicklung der Identität der jüdischen Minoritäten gilt die dialektische Wechselwirkung zwischen:

 

Wichtig ist bei jeder Minoritätenanalyse überdies, dass innerhalb einer einzigen Minorität in der Regel alle 5 Identitätsstrategien gleichzeitig realisiert werden und dass daher in den ohnedies bereits labilen persönlichen und sozialen Identi­tätsmilieus der Minorität eine interne Spannung zwischen den 5 Gruppierungen vorhanden sein kann.

Gerade für die Analyse jüdischer Minoritäten ist die Beachtung dieser internen Spannungssituation der 5 Gruppierungen unerlässlich. Im Laufe historischer Prozesse ergeben sich auch hier Schwankungen, u. U. bei einer einzigen Persön­lichkeit oder im Verhältnis der Gruppen untereinander.

Pauley weist sehr gründlich nach, dass in der Ersten Republik in Österreich die Juden unter dem Druck des Antisemitismus ein geteiltes Haus bewohnten. "Eine Wiener Zeitschrift ging sogar so weit, die Juden als die 'in sich uneinigste Gemeinschaft der Erde' zu bezeichnen." Unser Modell wird durch die Systematik Pauleys bestätigt. Er nennt folgende Gruppen, die selbst wiederum in sich nicht einheitlich waren:

  1.      Assimilierte Juden

Sie vertraten liberal assimilatorische Ideen der Aufklärung und waren optimis­tisch, dass letztlich die Vernunft den Antisemitismus besiegen würde. Sie suchten Verbindung zu anderen liberalen Parteien. Sie fühlten sich zuerst als Österreicher und dann erst als Juden.

  2.      Zionisten

Sie forderten die Anerkennung der Juden als eigene Nation, die Etablierung einer eigenen jüdischen Kultur mit eigenen Einrichtungen wie Schulen, Sportvereinen usw. Sie vertraten die "Dissimilation" und die Anerkennung der Juden als "natio­naler Minderheit". Sie bestanden in Österreich zumindest aus vier bis fünf Gruppen, unter denen sich abgestufte marxistische Flügel befanden.

  3.      Religiös Orthodoxe

Sie lehnten die Richtungen 1 und 2 ab. Da sie messianisch orientiert waren, for­derten sie weder eine Assimilation noch die politische Etablierung einer jüdischen Nation.

In unserem Modell in Figur 4 sind die drei Gruppen leicht einzugliedern. Die erste Gruppe wollte sich überwiegend den grünen Werten der Mehrheit anpassen. Die zweite Gruppe wollte sich auf die lila Werte des traditionellen Judentums mit einem eigenen, geschichtlich durch die neuen Nationalismusbewegungen in Europa beeinflussten lila Nationalismus konzentrieren. Die dritte Gruppe lehnte jede Evolution des Judentums über die orthodoxen lila Formationen hinaus ab und wollte in diesen traditionellen Wert- und Bezugssystemen leben und anerkannt werden.

Faktor 5.2   Soziale Gegensätzlichkeiten

Unser Raummodell macht sichtbar, dass soziale Gegensätzlichkeiten

a) auf den einzelnen Ebenen der Gesellschaft und zwischen den Ebenen 1 – 4,

b) in der einzelnen Schichte und zwischen den Schichten,

c) zwischen den Menschen,

d) in der geographischen Dimension

  und in allen Kombinationen von a – d bestehen.

Die Auffassung ist jedoch um alle in der Gesellschaft bestehenden Konflikt-theorien (z. B. Marxismus, Sozialismus, funktionalistische Konflikttheorie, Krisentendenzen des Spätkapitalismus usw.) zu erweitern.

Die Einführung des Konfliktbegriffes eröffnet auf allen von uns eher funktiona­listisch erschlossenen Ebenen, Schichten und demographischen Dimensionen die vorhandenen Prozesse und Motive.

Wir ermöglichen dadurch, ungenau gesagt, zu erkennen, dass Gesellschaft stets Struktur und Wandel gleichzeitig ist, wie überhaupt das gleichzeitige Denken der Gesellschaft als Struktur (relativ stabilisierte Spannung) und Prozess (Änderung der Spannungsrelationen) notwendig ist, um nicht allzu einfach zu verfahren.

Wir vervollständigen unser Modell, indem wir im Schichtaufbau auf die Distanz der verschiedenen Ebenen (Sprache, Kultur, Wirtschaft, Politik) hinweisen, welche die Spannungs- und Konfliktpotentiale aus innerpsychischen und sozialen Konflikten andeuten. Die Menschen der jeweiligen Schicht werden im Zentrum eingezeichnet.

Gerade diese Überlegungen über soziale Konflikte haben wir genauer ausgeführt, weil sie zentrale Überlegungen jeder Minoritätentheorie liefern. Ihre Spiegelung auf der Mikroebene wurde oben bei der Verbindung zwischen Psychologie und sozialer Identität angedeutet.

  Faktor 6   Zeitfaktor

Ohne eine bestimmte Theorie der Zeit zu benutzen (alle diese Theorien sind im Modell bereits angesetzt), wird deutlich, dass hinsichtlich aller 5 bisherigen Faktoren, einzeln und aller in allen Wechselwirkungen, die Zeit (als geschichtliche Dimension) einen weiteren Faktor bildet. In den modernen Sozialtheorien beachten vor allem Elias und Giddens den Zeitfaktor explizit.

Der Leser kann einen Zeitvergleich anstellen, indem er das Österreich der Ersten Republik mit den heutigen Zuständen verbindet.

  Soziologischer Grundrahmen
1. These: Ausländer leben in neuen Unterschichten

Im Gegensatz zur beschönigenden öffentlichen Diskussion ist eine Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien in die österreichische Gesellschaft weitgehend nicht erfolgt. Öztoplu von "Echo" meint im Standard vom 11.Juni 2003: "Die Türken leben in Österreich wie Fische im Aquarium".

Zwei Dinge sind hier besonders zu beachten. Was würde Integration überhaupt bedeuten? Bereits diesbezüglich sind die bisherigen Ansätze mangelhaft.

Die österreichische Gesellschaft besteht, wie wir vorne zeigten, von oben nach unten betrachtet aus etwa folgenden Schichten:

6. Schichte "große" Selbständige, höchste Angestellte und Beamte, freiberufliche Akademiker; 5. Schichte "kleine" Selbständige; 4. Schichte mittlere Angestellte und Beamte; 3. Schichte niedere Angestellte und Beamte; 2. Schichte Facharbeiter; 1. Schichte Hilfsarbeiter und angelernte Arbeiter.

Wichtig ist, dass die Schichten in einer Über- und Unterordnung stehen, wobei die beiden untersten Schichten der Fach- und Hilfsarbeiter selbst dem höchsten abwertenden Abgrenzungsdruck durch alle anderen Schichten ausgesetzt sind und den relativ geringsten Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen besitzen.  

Unter diesen, durch die berufliche Tätigkeit definierten Schichten leben jene Menschen, die durch Arbeitslosigkeit aus diesem Zugehörigkeitsrahmen fallen und in ihrer Desozialisierung einem schweren gesellschaftlichen Entwertungsprozess unterliegen, der besonderes Augenmerk etwa der Armutskonferenz erhält.

Geht man vom Ideal zunehmender Egalität aus (vgl. den Grundrechtskatalog Cathrin Horners), bedeutet Schichtung daher ein strukturelles Diskriminierungskondensat.

Alle Schichten sind bestimmt durch spezifische sprachliche (S), wirtschaftliche (W), politische (P), und kulturelle (K) Faktoren, die über den Schichtaufbau miteinander verbunden sind und im Folgenden Modell als Ebenen erscheinen. Betrachten wir diese Faktoren als grün, ergibt dies das Bild einer grünen Gesellschaft. Jede Schichte ist eine "Scheibe" im Modell, die äußeren Kreise sind die Zugehörigkeit zu den Ebenen, im Zentrum der Scheibe befindet sich die Bevölkerung, welche in dieser Schichte lebt. Die Benutzung von Farben sollte die deutlichen sozialen Differenzen symbolisieren, hat aber nichts mit realen politischen Gruppierungen und deren farblichen Zuordnungen zu tun. Die Benützung der Farben - eine Art Hilfskonstruktion - verschleiert aber nicht, dass die Grünheit eines Bankdirektors eine andere ist, als jene eines Hilfsarbeiters.

Wir können die Verbindung zwischen Ebenen und Schichten durch folgenden Aufriss unseres Modells verdeutlichen:  

In diese grüne Gesellschaft sind ausländische Arbeitnehmer und zunehmend ihre Familien eingetreten, deren Persönlichkeiten durch beispielsweise rote (z. B. serbische) oder blaue (z. B. türkische) sprachliche, kulturelle, politische und wirtschaftliche Faktoren bestimmt sind.

Was ist geschehen? Da die Ausländer fast ausschließlich die niedrigsten, unattraktivsten und schwierigsten Arbeiten in bestimmten Branchen (Bauwirtschaft, Fremdenverkehr, Handel und Reinigung, früher auch Textil) in der grünen Gesellschaft übernahmen (Segmentierung der Arbeitsmärkte), sollte man erwarten, dass sie in die grünen Fach- und Hilfsarbeiterschichten integriert wurden. Gerade dies ist jedoch nicht erfolgt.

Zwischen den untersten heimischen Fach- und Hilfsarbeiterschichten und den neuen roten oder blauen Ausländern bildeten sich grundsätzlich Spannungstendenzen, die über jene zwischen heimischen Schichten weit hinausgehen. Zum einen geben die untersten heimischen Schichten Abgrenzungsdruck, dem sie selbst im österreichischen Schichtsystem als die "Untersten" ausgesetzt sind, an die neuen Schichten weiter, zum anderen besteht ein realer Ressourcenkonflikt zwischen diesen Schichten hinsichtlich des Zuganges zu Arbeit, Wohnung, Schule, Freizeit, ärztlicher Versorgung und sonstigen gesellschaftlichen Möglichkeiten, der insbesondere bei Labilisierung der Stellung der heimischen Fach- und Hilfsarbeiterschichten [1] (z.B. Konjunkturrückgang oder Globalisierung) an Brisanz zunimmt. Eine "Integration" der ausländischen Bevölkerungsgruppen könnte andererseits nur in diesen heimischen Schichten erfolgen, in denen aus den genannten Gründen die Abgrenzungskräfte am stärksten sind, was Studien seit Jahrzehnten bestätigen. [2]

Natürlich bestehen Ablehnungskräfte gegen die Drittstaatsangehörigen auch in anderen Schichten, vor allem bei kleinen Gewerbetreibenden, kleinen Händlern und niederen Beamten (Bedrohung als "Modernisierungsverlierer" im globalen Wettbewerb usw.). Die strukturelle Nähe und der direktere Ressourcenkonflikt sind jedoch ein relevanter Zusatzfaktor bei den Schichten der Fach- und Hilfsarbeiter. [3]  

Umgekehrt steht jede positive Integrationsstrategie im Sinne universalistischer Grundsätze (Grundrechtskatalog Cathrin Horners) und jede Forderung nach Erhöhung der Toleranzniveaus vor dem realen Problem, dass eine erhöhte politische, wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und sprachliche Toleranz gegenüber Ausländern gerade von jenen heimischen Schichten am meisten erwartet werden müsste, die in der Gesamtgesellschaft dem höchsten Abgrenzungs- und Diskriminierungsdruck im Schichtsystem ausgesetzt sind. Gerade diese Schichten sind nämlich auch Ziel populistisch polarisierender, überwiegend rechter politischer Wahlstrategien. Die Mittelparteien wiederum halten unter dem Druck des Wählerverlustes in diesen Schichten die ökonomischen und politischen Integrationsparameter für die Ausländergruppen möglichst tief und leisten damit der rechtlichen Diskriminierung weiteren Vorschub.

Sehr richtig wurde festgestellt, dass die politischen Eliten nicht nur rassistische Manipulation instrumentell einsetzen, sondern dass sie häufig existierende rassistische Stimmungen und Vorurteile bestimmter Schichten aufgreifen, sich zunutze machen und sich über Wahlen erhöhten politischen Einfluss ausrechnen [4] .

Hier liegen bereits die essentiellen Wurzeln für drei Felder von Diskriminierungsparametern:

a)      Kriterienkatalog zur Messung der Abgrenzungskräfte zwischen Inländern und Drittstaatsangehörigen unter Berücksichtigung der Differenzen im Schichtaufbau des obigen Modells. Generelle Durchschnittsmessungen sind wenig aussagekräftig.

b)      Diskriminierend-polarisierende Manipulation des Konfliktes durch politische Eliten unter Benutzung etwa diskursanalytischer Kriterien nach ARDUÇ-SEDLAK bzw. WODAK im Verhältnis zur Charta der europäischen politischen Parteien für eine nichtrassistische Gesellschaft [5] ;

c)      Kriterien zur Messung der Diskriminierungsstandards in der rechtlichen Behandlung der Drittstaatsangehörigen (vgl. Kriterienkatalog am Ende).

Natürlich besteht zwischen a), b) und c) ein klarer Zusammenhang, der über das Gesamtmodell ersichtlich wird.

Wir stehen heute vor folgendem Ergebnis: Die roten oder blauen Ausländergruppen [6] wurden nicht in die grüne Gesellschaft integriert, sondern bilden derzeit neue Unterschichten unter den untersten grünen Schichten! Dies ist jedoch deshalb bereits eine "beschönigende" Darstellung, da alle als Schichten bezeichneten Einheiten in einer Gesellschaft zumindest formal bestimmte Grundrechte auf Aufenthalt, Arbeitsmarktzugang, politische Mitgestaltung, soziale Versorgung, Bildung usw. besitzen, welche den Ausländern in keiner Weise im gleichen Maße gewährt werden wie den Inländern in irgendwelchen Schichten. Man müsste daher wohl von "Proto-Schichten" sprechen.

Wir gehen davon aus, dass dies in den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten in unterschiedlich strenger Form der Fall ist, dass die Durchlässigkeit in die untersten heimischen Schichten unterschiedlich hoch ist. Die Berichte über die Zunahme der Fremdenfeindlichkeit auch in anderen Mitgliedstaaten bestätigt einen polarisierenden Trend. Mittels der Diskriminierungsparameter sollte diese Konfliktstelle transparenter werden.

Empirische Erhebungen in Österreich

Es mangelt nicht an empirischen Studien, welche diese Thesen bereits vor 20 Jahren bestätigten [7] , und über die Jahre keine veränderten Ergebnisse zeitigten. Man muss geradezu sagen, dass es eine wissenschaftliche Subkultur gibt, welche die bedenklichen Realitäten immer wieder bestätigt, ohne dass dies auf der politischen Ebene besondere Veränderungen zur Folge hat. Wir benutzen hier als Beispiel die neuesten von FASSMANN, MATUSCHEK, MENASSE 1999 (im Folgenden FMM99 abgekürzt) herausgegebenen Studien.

In den niedersten Bildungsschichten sowie in den untersten Berufs- und Einkommensschichten ist die Fremdenfeindlichkeit deutlich am stärksten ausgeprägt (KOHLBACHER, REEGER für Wien, DORNMAYER für Linz in FMM99).

LEBHART, MÜNZ in FMM99 S. 17 f. bestätigen, dass ein Modell einer kontinuierlichen Assimilation oder Integration nicht angenommen werden kann. In Österreich gibt es keinen "Schmelztiegel" in dem Ausländer allmählich zu Inländern werden. Es liege eher eine ethnisch gespaltene Gesellschaft vor, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt bilden die Ausländer einen marginalisierten Bevölkerungsteil.

Hinsichtlich der Ebenen Wirtschaft (W), Politik (P), Kultur – Religion (K) und Sprache (S) in unserem Modell gilt:

· Wirtschaftliche Ebene:

      Weiterhin erfolgt eine Konzentration der Ausländer in den unattraktivsten Segmenten des Arbeitsmarktes. Die ökonomische Marginalisierung dehnt sich auf die zweite Generation aus. Es erfolgt eine sozialpolitische Instrumentalisierung fremdenfeindlicher Vorurteile. Die Spannungen zu den unmittelbar anschließenden Inländer-Schichten werden infolge der faktischen oder vermuteten Konkurrenzsituation betont.

·   Kulturelle Ebene:

        Die Entwicklung separater, anderer, roter (z.B. serbischer) oder blauer (z.B. türkischer) Lebensformen der Ausländer wird deutlich abgelehnt! Über fremde Kultur und andere Religion wird die Andersheit deutlich definiert (kulturelle Distanz, Überfremdungsdebatte, "Fremder im eigenen Land", vgl. These 2).

·        Politisch-rechtliche Ebene:

·        Rechtlicher Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt, zu Bildungseinrichtungen, zu Sozialleistungen, zu den politischen Mitspracherechten (Wahlrecht auf betrieblicher, lokaler, regionaler und nationaler Ebene) und zum Staatsangehörigkeitsrecht, Erwerb von Gewerbeberechtigungen für selbständige Tätigkeit sind für Ausländer deutlich reduziert. Diese restriktive Haltung wird durch Umfragewerte in der Bevölkerung weitgehend befürwortet. Es ist dies eine Diskriminierung auf Grund ethnischer Grenzziehungen als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konfliktes. Der Übergang der Ausländer in den Status gleichberechtigter Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft ist nicht vollziehbar. Die meisten bleiben auch in der zweiten Generation wirtschaftlich, sozial, politisch und kulturell marginalisiert.

Auch FASSMANN, MÜNZ und SEIFERT bestätigen in FMM99 S. 95 f. dass in Österreich, anders als in der BRD, eine Lösung der Ausländer aus den untersten Segmenten des Arbeitsmarktes kaum erfolgt. Der Arbeitsmarkt weist bei Ausländern keine intergenerationale Mobilität auf und ist entlang ethnischer Grenzen segmentiert. Auch wenn die entsprechenden Qualifikationen vorliegen, bleiben bestimmte höhere Segmente des Arbeitsmarktes für die Ausländer verschlossen. Die Verfestigung der ethnischen Segmentierung in Österreich ist deutlich.

Auch beim Übergang in die Selbständigkeit bleibt der Ausländer überwiegend auf seine ethnische Lebenswelt begrenzt und weitgehend labilisiert (HABERFELLNER, BÖSE in FM99, S. 75 f.).

Die Studie von Barbara Herzog-Punzenberger: "Die zweite Generation an zweiter Stelle?" 2003, des Zentrums für Soziale Innovation bestätigt in erschreckender Weise diese Thesen:

63 % der in Österreich lebenden türkischen Bevölkerung zwischen 15 und 35 Jahren arbeiten als un- oder angelernte Arbeitskräfte. Nur 17 % rangieren unter dem Begriff  'Angestellte', gar nur 1 % ist selbständig. Nicht ein Angehöriger dieser 'zweiten Generation' hat eine Universität oder Fachhochschule abgeschlossen.

Dafür sind türkische Kinder besonders stark in Sonderschulen vertreten: mit 4,7 % Schüleranteil überholen sie sogar Staatsangehörige aus Exjugoslawien (4,1 %). Das bedeutet: 'Mehrheitliche Benachteiligung in Bildungsinstitutionen und auf dem Arbeitsmarkt, die so stark ausgeprägt ist, dass von ethischer Segmentierung gesprochen werden kann'".

Im europäischen Vergleich liegt Österreich nach der Fremdenrechtsnovelle 1997 nur hinsichtlich der aufenthaltsrechtlichen Standards für Drittstaatsangehörige in einer guten Mittelposition, bei den Zugangsbedingungen auf den Arbeitsmarkt jedoch liegt es abgeschlagen an letzter Stelle.

Auch bei der Bewertung der Regelungen im Bereich des Sozialversicherungsrechtes (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall, Alter und Sozialhilfe) nimmt Österreich einen der letzten Plätze im Vergleich ein. Österreich gehört auch zu jenen europäischen Ländern, welche einige Grundrechte prinzipiell nur eigenen Staatsbürgern vorbehält. Auch liegt Österreich bei den übrigen Standards der Gewährung politischer und ziviler Rechte im letzten Drittel. Bei der Einbürgerung sind die Anforderungsprofile relativ hoch (CINAR, DAVY, WALDRAUCH in FMM99, S. 43 f. und vor allem DAVY und WALDRAUCH, 2000) .

Im Rahmen der weiteren Abstimmung der Rechtsstandards in der EU wäre es erforderlich, die Diskriminierungsgrade in den einzelnen Mitgliedsstaaten zu evaluieren. Derartige Vergleichsstudien sollten übergreifend in ausreichend differenzierter Form erstellt bzw. bereits vorhandene Studien durch die Kommission ausgewertet werden.

Der Endbericht des Projektes des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung und des Instituts für Höhere Studien, durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Verkehr mit dem Titel: "Rechtliche Instrumente der Integration von Einwanderern im europäischen Vergleich: Ansätze – Entwicklungen Perspektiven " stellt zweifelsohne ein Musterverfahren dar, aus dem in unterschiedlicher Komplexitätsdichte Kriterien herausgefiltert werden können [8] .

Ein OECD-Papier DEELSA/ELSA/WP2(99)8 'Comparative Analysis of Legislation and Procedures govering the Immigration of Familiy Members in certain OECD-Countries' enthält ebenfalls brauchbare Kriteriensysteme.

Für die Erstellung regelmäßiger Vergleichsberichte etwa durch die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Rahmen des Kategorienstandards gibt es zwei praxisbezogene Möglichkeiten:

a)   Vergabe eines einschlägigen Projektes unter Vorgabe der Kriterien zur Lieferung regelmäßiger Berichte;

b)   Vergabe eines einschlägigen Projektes an eine Stelle, die bereits bisher derartige Erhebungen durchführte, über die entsprechende theoretische und kommunikative Infrastruktur verfügt und im Rahmen vorgegebener Kriterienrahmen konzise Übersichtsauswertungen für Jahresberichte erstellen kann.

2. These: Ausländer leben im Konflikt (Ambivalenz) einer verdoppelten sozialen Identität

Die vorne entwickelte und hier wiederholte These enthält eigentlich eine Integrationstheorie in einer Vollständigkeit, wie sie sich heute nirgends in der Forschung findet. Zusammen mit These 1 enthält sie alle Elemente für die unterschiedlichsten politischen Varianten möglicher Integration oder der Möglichkeit von Minderheiten selbstdefinierter Bindestrich-Identitäten. Wir wiederholen:

Die zweite Grundwahrheit ist nämlich, dass überhaupt niemand genau genug überlegt, was für eine rote (z.B. serbische) oder blaue (z.B. türkische) Ausländerpersönlichkeit die Integration in eine grüne Fach- oder Hilfsarbeiterschichte bedeuten sollte, in der sie eigentlich negativ definiert ist und strikte abgelehnt wird. Ein Bild erklärt dies vielleicht besser als eine lange Analyse:

Der Ausländer hat ursprünglich eine Persönlichkeit, welche durch blaue (z.B. türkische) sprachliche, kulturelle, politische und wirtschaftliche Werte und Einstellungen bestimmt ist. Er sieht eine blaue Welt. Wie soll er sich im grünen System verhalten? Was sollte seine Integration bedeuten?

Soll ein Mensch (Person), der eine blaue Brille trägt und die Welt durch seine blauen sprachlichen (S2), kulturellen (K2), wirtschaftlichen (W2) und politischen (P2) Gläser sieht, plötzlich

a) mit seiner blauen Brille  alles grün sehen, durch und durch grün werden

(Überanpassungs- und Assimilationsthese), oder soll er

b) eine von Ichstärke gertragene Mischung von blau und grün anstreben (interkulturelle Identitätsbalance, wie sie oben von  Alev Korun skizziert wurde),

c) oder soll er sich auf seine blauen sprachlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Werte zurückbesinnen und diese verstärken (regressive Identitätsstrategie), oder soll er

d) den Konflikt durch utopistische oder radikal politische Strategien jenseits von blau und grün überwinden.

Selbst wenn der Ausländer versuchte, sich durch Überanpassung im Sinne a) nach grün hin zu bewegen, wie sollte er das erfolgreich können, wenn er von der grünen Gesellschaft, vor allem von den Fach- und Hilfsarbeiterschichten, in welche er integriert werden sollte, und jenen politischen Eliten, welche diese Schichten vertreten, am deutlichsten negativ definiert und strikte politisch, wirtschaftlich, kulturell und sprachlich ausgegrenzt wird?

Diese Zeichnung möge als Denkanstoß dienen, um die sozial und psychisch schwierige Lage der MigrantInnen in der grünen Gesellschaft genauer zu analysieren. Es ist ein Modell, welches für jede Minderheitentheorie und alle Varianten von Identitätsstrategien grundlegend ist (z. B. auch für die jüdische Identität in der Diaspora), bisher aber so gut wie nicht beachtet wurde. Es ist aber auch ein Modell für alle Varianten von Integrationspolitik in einer grünen Gesellschaft [9] , die auch im Rahmen der Debatte der Fremdenfeindlichkeit zu diskutieren und anzusetzen wäre.  

In den derzeitigen Ideologiemilieus der heimischen Forschungs- und Betreuungseinrichtungen (vgl. die Analyse unten) wird dieser Ansatz beharrlich nicht beachtet und verdrängt, oder als konservative Variante der Parole des "Zwischen-zwei-Stühlen-Sitzens" abgetan. Sicherlich ist diese Haltung durch ideologiepolitische und -strategische Motive begründbar. Hierzu sind jedoch einige wichtige Feststellungen zu treffen:

a) Bisherige Forschung

Keine Minderheit hat in Europa durch Unterdrückung, Verfolgung, Diskriminierung und Genozid so schwer gelitten, wie die jüdische. Es wäre geradezu unverantwortlich, die gigantische Forschungsleistung dieser gedemütigten Minderheit in der Frage der Identitätsfrage - wohlgemerkt nicht nur der kulturellen sondern auch der politischen und wirtschaftlichen Identität - der Minderheiten einfach als nicht bestehend aus dem Forschungsbetrieb auszuklammern. Gerade HECKMANN hat aber die wichtigen Ergebnisse dieser Ansätze überzeugend gesammelt und dargelegt. Sie bilden wichtige Vorläufer der hier vorgelegten Thesen.

b) Inhumanität der Ausklammerung

Eine ideologische Verschweigung dieser Gesichtspunkte bedeutet mit Sicherheit eine, in Ideologien ja häufig versteckte Inhumanität. Zum einen ist die Nichtbeachtung bestimmter Identitätskomponenten der MigrantInnen (z.B. Elemente des Herkunftssystems) eine Verleugnung faktischer Realitäten, zum anderen stellt diese Nichtbeachtung  eine inhumane Verkürzung des sozialen Umgangs mit den MigrantInnen dar. Wiederum muten sich intellektuelle Führer zu, über die Identität der MigrantInnen paternalistisch zu verfügen. Die oben zitierten Annsätze Koruns bilden eine Ausnahme.

Auch wenn man diesen Identitätskonflikt auf eine kulturelle Dimension beschränkt - was in dieser Arbeit nicht intendiert ist - bleibt es inhuman, die Differenz zwischen zwei Bezugsystemen einfach auszuklammern. Auch wenn man die Kulturalisierung des Integrationsbegriffes im  Einwanderungskontext als Instrumentalisierung betrachtet, welche die mangelnde Teilhabe an Status- und Machtpositionen der Gesellschaft legitimieren soll, und ihn daher in dieser Form ablehnt, kehrt das Problem über die Hintertüre wieder in die Diskussion zurück. 

Wenn etwa die Frage auftaucht, ob und in welchem Ausmaß und Inhalt den neuen MigrantInnen im Rahmen eines kulturellen Pluralismus kulturelle, religiöse oder gar Volksgruppenrechte zugestanden werden sollten, ist die duale Orientierung und Ethnisierung der persönlichen und kollektiven Identitäten der Minderheit wiederum voll aktualisiert. Man kann daher den oben entwickelten Thesen über die Doppelorientierung der Identität nicht entgehen. 

Ähnlich erweist sich die Ablehnung dieses Ansatzes bei Experten Partei der Grünen als nicht haltbar,  wenn sie umgekehrt in ihrem Wahlprogramm für Wien 2001 sprachliche und kulturelle Vielfalt in der Stadtverwaltung und die Förderung zweisprachiger Schulen fordern.

Die Lösung kann daher theoretisch und praktisch nur darin bestehen, dass man die universalistischen und egalitaristischen Prinzipien und Forderungen zugunsten der MigrantInnen gleichzeitig mit ethnischen und kulturellen Spezialrechten der MigrantInnen im Sinne der erhöhten Zulassung von dualen Identitätskonzepten und im Sinne der Etablierung einer autonomen Selbstdefinition durch die "ethnischen" communities selbst institutionalisiert, fordert und zu realisieren versucht. 

Die grüne Mehrheitsgesellschaft hat den neuen Ausländerschichten durch ihre negative wirtschaftliche, politische, kulturelle und sprachliche Abgrenzung, die man als kumulierte Diskriminierung bezeichnen muss, und ihre mangelnde Offenheit keineswegs die Möglichkeit gegeben, sich den grünen wirtschaftlichen (W1), sprachlichen (S1), kulturellen (K1) und politischen (P1) Werten und Möglichkeiten positiv zu nähern. Nicht einmal die wirtschaftlichen, politischen, sozialen, kulturellen und sprachlichen Voraussetzungen für eine Assimilationspolitik sind bisher geschaffen. Noch viel weniger hat sie ein Integrationsmodell eröffnet, wo eine Minderheit in einer ausgeglichenen Balance von grünen und etwa blauen SKWP-Werten und -Orientierungen als integrierte Schichte in der grünen Gesellschaft leben könnte, die selbst der Aufnahme anderer Werte gegenüber aufgeschlossen ist (multikulturelle Integrationsmodelle mit institutionalisierten autonomen Selbstdefinitionsmechanismen für die Minderheit).

Die meisten MigrantInnen und ihre Kinder leben – legistisch in der Existenz labil gehalten – politisch, sozial, kulturell und sprachlich als unterprivilegierte, negativ definierte Proto-Unterschichten, mit psychischen Konfliktbelastungen zwischen dem grünen und dem blauen (oder roten usw.) Bezugsystemen ohne klare Identitäts- und Integrationsperspektive. Durch die Einbürgerung wird diese Lage nur teilweise behoben. [10]

Mit Nachdruck ist festzustellen, dass diese labilen Identitätslagen in den ethnischen Minoritätenschichten selbst zu einer Spaltung in mehrere Gruppierungen führt, welche die Schlagkraft bei der Wahrnehmung ihrer Interessen gegenüber der Majorität noch erschwert. Reaktionär bis fundamentalistisch auf die traditionellen roten oder blauen Werte des Herkunftslandes bezogene Gruppierungen stehen "progressiv" bis "linken" Fraktionierungen gegenüber.

Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass Vertreter der ausländischen Minderheit das obige Identitätsmodell u.U. heftig ablehnen, da sie den Eindruck haben, dass hierdurch die politische Durchsetzbarkeit konkreter politischer Rechte in der Aufnahmegesellschaft für die MigrantInnen geschwächt würde, da das Modell suggeriere, die ausländische Minderheit wäre ohnehin nicht an einem verstärkten Einstieg in die Mehrheitsgesellschaft interessiert. Durch die obigen Ausführungen scheint dies weitgehend widerlegt.  

Integration, Gesellschaft, Gemeinschaft - Kritische Bemerkungen 

Für die Integrationsdebatte bildet unser Modell zwei bisher in der Theorie nicht vergleichbar elaborierte Modelle. Das Gesellschaftsmodell mit seiner Differenzierung in Ebenen und Schichten einerseits und die These von der dualen Konstellation persönlicher und kollektiver Identitäten der MigrantInnen. 

Diese beiden Ansätze in ihrer Verbindung sind, wie erwähnt in der Lage, auch alle anderen Theorien über Integration in sich zu integrieren. 

Wenn daher neuerdings versucht wird, eine analytische Trennung von systemischen und lebensweltlichen Aspekten, zwischen systemischer (Integration in die Gesellschaft) und sozialer. bzw. kommunikativer Integration (Integration in die Gemeinschaft) durchzuführen, so sind hiezu kritische Anmerkungen erforderlich. 

Integration in die Gesellschaft bezieht sich demnach auf die Positionierung im gesellschaftlichen Statussystem, die Einkommensverteilung, den Zugang zu Ressourcen wie Wohnungen, Bildungskarrieren, die beruflichen und sozialen Aufstiegsschancen, den Zugang zu sozialen Rollen (Berufsrollen usw. ). Die Selektionsverfahren seien am Paradigma der 'Leistung' festgemacht und universalistisch orientiert, die Herkunft spiele nur eine geringere Rolle. Das kulturelle Backgroundwissen sei weniger relevant.

Integration in die Gemeinschaft wiederum bezieht sich auf partikulare, zumeist nach Anknüpfungspunkten im Alltagsleben vollzogene persönliche Kontakte, großteils privaten Charakters. Anknüpfungspunkte sind die Familie, der Betrieb, die Wohnumgebung, Freizeitaktivitäten. Weiter gehören neben diesen lebenslagenbezogenen Gemeinschaftsbildungen hiezu weltbild- und lebensstilbezogene Gemeinschaftsbildungen (z.B. Religionsgemeinschaften). Gemeinschaften haben eine partikulare Struktur und partikulare Interessen, die tendenziell in Widerspruch zur Gesellschaft stehen. Lebenslagenbezogene Gemeinschaften, z.B. Schichten seien zumeist sozial homogen. "In der Praxis gibt es zwischen Schichten kaum Integration, schon gar nicht ein 'Miteinander' zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht, sondern höchstens eingeschränkt innerhalb der Schichten." Das letztere Zitat ist eigentlich eine sehr starke Bestätigung unserer obigen Thesen!

Im weiteren wird daher angenommen, dass das Steuerungsprinzip von Gesellschaft Gleichheit und Chancengerechtigkeit, jenes der Gemeinschaft Ungleichheit und Diskriminierung sei. Die Werte der Mittelschichte gälten als Referenzniveau für Normalität und seien zu gemeinsamen Werten umfunktioniert. Nationalistische Integrationsvorstellungen drehten den Zusammenhang um: "Für sie erscheinen die über Rollenverhalten vermittelte Vergesellschaftung als über Werte vermittelte Vergemeinschaftung, sie ersetzen die für die Gewaltenteilung grundlegende Idee der Regelgemeinschaft durch die durch das Fehlen institutioneller Trennung gekennzeichnete Despotie der Wertegemeinschaft".

Wird diese These in unsere Modelle integriert ergeben sich vor allem folgende Mängel: Systemtheoretisch ist es völlig unzureichend, einen Bereich der Gesellschaft von einem Bereich der Gemeinschaft in der definierten Weise analytisch zu trennen, ohne zu beachten, wie diese beiden Bereiche gesellschaftlich miteinander verbunden sind. 

Die Vergesellschaftung, Rollenübernahme, Positionierung im Statussystem usw. erfolgen aus einer Gemeinschaft, Familie und Schichte heraus, deren gesamtes Diskriminierungskondensat an Nachteilen in Bildung, Status, Zugang zu Ressourcen u.ä.  u.U. gewaltige Hindernisse für die Integration in die Gesellschaft darstellen. Gerade der Zugang zu Ressourcen, wie Wohnung und Schule, die in dieser Theorie gesellschaftliche Kategorien bilden, sind grundlegende Dimensionen der lebenslagenbezogenen Integration in die Gemeinschaft. Die für die Integration in die Gesellschaft angenommenen Prinzipien von Universalität und Egalität sind, wie die Analyse in unserem Modell zeigt, nicht einmal für die Inländer anders denn als formale Rechtsgleichheit realisiert. Bereits vor der Berücksichtigung der Lage der MigrantInnen sind die Ungleichheiten zwischen den Schichten, in den Schichten usw. gewaltig. Gerade diese Spannungen sind aber die Grundlage für die verzerrte Integration der MigrantInnen in Gesellschaft und Gemeinschaft.

Die Summe aller Diskriminierungen der MigrantInnen für die Integration in der Gesellschaft (rechtlich, wirtschaftlich, politisch, kulturell, sprachlich usw.) sind eine Folge davon, dass sie bei der Integration in die Gemeinschaft, in Familie und Schichte eben die gesellschaftlichen Statuspositionen heimischer Familien und Schichten und deren Gemeinschaften berühren, und letztere in dem Ressourcenkonflikt ein vitales Interesse daran besitzen, die MigrantInnen in ihrer Integration in ihre Gemeinschaft dadurch zu hindern, dass sie sich über die gesellschaftlichen Kräfte, die sie mobilisieren können (Parteien usw.) bemühen,  eine Integration der MigrantInnen in die Gesellschaft zu hemmen, zu behindern und aufzuhalten. Dabei werden zweifelsohne alle erdenklichen Argumente, wie nationale, religiöse oder kulturelle Distanz instrumentalisiert. Die analytische Trennung von Gesellschaft und Gemeinschaft reicht daher nicht aus, um die hier erarbeiteten Zusammenhänge darzustellen.

Empirische Ergebnisse in Österreich

Bereits bei These 1 wurde deutlich, dass besonders in den unteren heimischen Schichten rote oder blaue kulturelle, sprachliche, religiöse, wirtschaftliche und politische Werte und Verhaltensweisen deutlich als negativ bewertet werden. KOHLBACHER, REEGER in FMM99 zeigen für Wien, dass man von den Ausländern mehr Anpassungsleistung im Lebensstil erwartet. Man geht daher stillschweigend vom  Modell der Assimilation aus. Integration ist nur in diesem Sinne und nur durch eine Eigenleistung der Ausländer denkbar. Integration wird als Bringschuld des Ausländers verstanden.

In Linz zeigt DORNMAYR in FMM99, dass als stärkstes Definitionsmerkmal des "Österreicher-Seins" die Kenntnis der deutschen Sprache gilt. ("Negativ ist die Zurückdrängung von Deutsch als Umgangssprache.") Als zweitwichtigstes Kriterium gilt die "Anpassung an die österreichische Kultur".

Elemente einer antidiskriminierenden Integrationspolitik

Im Lichte der zwei obigen Thesen ergibt sich für die Grundsätze einer Integrationspolitik:

Wie eine vergleichende Studie über die Integrationsstrategien in Birmingham und Hamburg zeigt (PERCHINIG in FMM99 S. 161 f.) sind u. a. folgende Fragen zu stellen:

Welche politischen Kräfte sollen eine Veränderung der derzeitigen Lage herbeiführen? Vertreter der Minderheitenbevölkerung, die eine "Widerstandsidentität" entwickeln (vgl. These 2), oder Solidaritätsvereine, NGOs, humanitär engagierte Aktivisten aus der Mehrheitsbevölkerung, was die Tendenz zu einer "paternalistischen Fürsorgepolitik" ohne Einbeziehung von Vertretern der Minoritäten erhöht, oder politische Parteien, welche nicht den hier geschilderten Zwängen einer "Schichtenpolitik" unterliegen. Die Möglichkeit politischer Schlagkraft aller Versuche muss aber im Gesamtsystem analysiert werden. [11] Schließlich sind in diesem Spannungsfeld die hier diskutierten Ansätze zur Vereinheitlichung der politischen und rechtlichen Standards der Drittstaatsangehörigen in der Europäischen Gemeinschaft zu analysieren.

Welche Grundrichtung soll die Integrationspolitik im Sinne dieser Prinzipien der Gemeinschaft besitzen? Soll sie die Minderheiten der Drittstaatsangehörigen dazu ermutigen, eigene politische Gruppierungen zu bilden, die für die Durchsetzung der eigenen blauen (z.B. türkischen) oder roten (z.B. serbischen) ethischen sprachlichen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Werte kämpfen (Erhöhung der Ethnizität) [12] oder die Durchsetzung österreichischer grüner Werte und Rechtsstandards erzwingen, oder soll sie die drei im Folgenden dargelegten Grundsätze im Sinne einer zügigen Assimilationspolitik so verwirklichen, dass die Ethnien in den grünen Mehrheitsgesellschaft völlig verschwinden (Assimilation)? Jede dieser Varianten muss überdies eingebettet in die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse bewertet werden.

a) Gleichberechtigung

Geklärt soll werden, in welchem Ausmaß Ausländer rechtlich gleichgestellt werden können bzw. sollen, bzw. inwieweit eine Ungleichstellung politisch vertretbar ist. Es geht hier um die Frage der Gleichstellung hinsichtlich verfassungsmäßig garantierter Grundrechte (z. B. Familie usw.) wie auch um die sonstige rechtliche, wirtschaftliche, soziale und politische Gleichstellung hinsichtlich einfacher Bundes- und Landesgesetze. Umgekehrt müssten aber auch, falls kultureller Pluralismus gewünscht wäre, neue Rechte überhaupt erst etabliert werden.

Die Unterschreitung dieser Standards müsste als strukturelle Fremdenfeindlichkeit betrachtet werden und entsprechend kritisiert werden können (Etablierung einschlägiger Prüfungsverfahren).

b) Chancengleichheit und Mobilität

Chancengleichheit stellt u. U. die Grundvoraussetzung für eine Integration dar. Mangel an Mobilität ist ein Integrationshindernis. Gleichgültig welche Integrationsvariante man anstreben will (strikte Assimilation oder interkulturelle Ethnizität) die Erweiterung der wirtschaftlichen und sozialen Rechte, vor allem im Bereiche des Arbeitsmarktzuganges erscheint essentiell. Auf die derzeitige labile Marginalität und die entsprechenden Identiätskonflikte und -labilitäten auch der zweiten Generation wurde hingewiesen.

Auch hier wären in der Gemeinschaft konkrete Kriterien zu erstellen, deren Unterschreitung als diskriminierend betrachtet werden sollten.

c) Pluralistische Modelle

Derzeit finden sich keine Ansätze für die Anerkennung pluralistischer Modelle. Von den Ausländern wird erwartet, dass sie die sprachlichen, kulturellen, womöglich auch religiösen(?), politischen und wirtschaftlichen Standards des Aufnahmelandes erfüllen und leben, obwohl man ihnen hierzu nicht nur die rechtlichen, politischen und sozialen Voraussetzungen nicht herstellt (kumulative Diskriminierungsstruktur), sondern die Ausländer gerade von jenen Schichten überwiegend negativ formuliert werden, in welche sie aufgenommen werden sollten. Auch bei Behandlung dieser Frage müssen die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse der These 1 und vor allem die Konfliktlagen in These 2 beachtet werden.

Erst vorsichtig nähert sich etwa Bauböck [13] diesen erweiterten Perspektiven mit einer verstärkten Ethnizität der MigrantInnen, indem er folgende Integrationsvarianten auflistet:

Einfache Integration:

a) Egalisierende Integration: reine Assimilation in Richtung der Mehrheitswerte;

b) transnationale Integration: Berücksichtigung rechtlicher Bindungen an das Herkunftsland.

Komplexe Integration:

a) Protektive Integration. Individueller Schutz vor Diskriminierung;

b) affirmative Integration: Anerkennung unterschiedlicher kultureller Bindungen und Bedürfnisse als:

     b1) kollektiver Diskriminierungsschutz: affirmative action Programme;

     b2) Etablierung kultureller Minderheitenrechte.

In dieser letzten Stufe würden sich die Rechte der "neuen" Minderheiten jenen der Volksgruppen mit besonderen Identitätsrechten annähern, wie sie in Österreich etwa den Slowenen, Kroaten Ungarn, Tschechen, Slowaken und Roma zugestanden werden. [14] Gemäss Art. 8 BVG sind Sprache und Kultur, Bestand und Erhalt dieser Volksgruppen zu achten, zu sichern und zu fördern.

Wie wir sehen, stehen wir auch theoretisch erst am Beginn einer mühsamen Diskussion über die diffizilen Varianten und Möglichkeiten, Integrationspolitik zu gestalten.

Schlussbemerkung

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Reduktion der Diskriminierungspotentiale, die mit einer Senkung rassistischer Tendenzen und einer Erhöhung der Toleranzniveaus in den Aufnahmestaaten verbunden sein müsste, besonders in jenen Schichten der heimischen Bevölkerung, die selbst in der Gesellschaft als minderprivilegiert zu gelten haben, infolge des geschilderten Ressourcenkonfliktes auf die relativ größten Widerstände stoßen wird. Den Strömungen des Rechtspopulismus, welche diese Widerstände zu verstärken versuchen, sind daher entsprechende politische und Bildungsoffensiven zur Stärkung der Integrationskräfte in den einzelnen Mitgliedsstaaten und der Europäischen Gemeinschaft entgegenzusetzen, die aber die obigen pragmatischen gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen haben.

So wie die wirtschaftliche Stabilität in der Gemeinschaft durch Konsolidierungsstandards etwa der nationalen Budgets erreicht werden muss, wären für die Konsolidierung dieser Spannungsfelder zwischen nationalem System und den anerkannten übernationalen Zentralstandards der politischen Gemeinschaft der EU entsprechende Maßnahmenkataloge mit konkreten Parametern zu erarbeiten. Die Diskussion über das Spektrum der Integrationsmodelle und der entsprechenden politischen Handlungsstrategien kann als eröffnet gelten. 

Neue subkulturelle Sprachmuster des Türkischen

Dimensionen im ORF, Mittwoch, 20. Oktober 2004 19:05 Uhr

Die Schmelztiegel Europas
Türkisch sprechen nicht nur die Türken

Vor einigen Jahren wurde in deutschen Großstädten erstmals festgestellt: Jugendliche sprechen Türkisch, auch wenn sie selbst nicht aus türkischen Familien stammen. Die Sprachwissenschaftler Peter Auer (Universität Freiburg) und Inci Dirim (Universität Hannover) gingen dem Phänomen im Rahmen einer mehrjährigen Feldforschung in Hamburg nach. Die Versuchsteilnehmer wurden mit Aufnahmegeräten und Ansteckmikrofonen ausgerüstet und gebeten, sich und ihre Gesprächspartner in Alltagssituationen aufzunehmen.

"Hippe Szene" oder "Ghettokultur"?
Viele Kinder wachsen in Gebieten mit einem großen Anteil türkischsprachiger Wohnbevölkerung mehr oder weniger zweisprachig auf, für sie ist es selbstverständlich, am Spielplatz oder in der Schule auch Türkisch zu sprechen. Manche Jugendliche lernen jedoch später und aus sehr unterschiedlichen Motiven Türkisch. Für manche ist es ist die Sprache einer urbanen Jugendkultur, einer modernen Musik- und Modeszene - weit entfernt vom Image des schnurrbärtigen Ali als Prototyp der frühen Einwanderergeneration. Manche Jugendliche identifizieren sich aber auch mit der, wie sie es sehen, Außenseiterposition von Türken in der Gesellschaft. Für Jugendliche aus islamischen Familien dagegen hat die türkische Kultur und Sprache den privilegierten Status einer arrivierten – sozusagen alteingesessenen - Minderheit.

Die Straße als Klassenzimmer
Was immer die Motive - die Forscher waren überrascht, wie gut manche Jugendliche das Türkische beherrschten: Manche konnten praktisch fehlerfreie Unterhaltungen führen, und das ohne jeden formalen Unterricht. Für Peter Auer ein Indiz dafür, dass auch das im Sprachunterricht oft eher verpönte Nachsprechen "ohne zu verstehen" bzw. das Auswendiglernen feststehender Formeln Erfolg bringen kann. Inci Dirim befürwortet, die Mehrsprachigkeit in der Schule nicht im vermeintlichen Interesse der Jugendlichen zu unterbinden, sondern motivierend im Unterricht zu nutzen. Ob das Türkische und seine Verwendung als Verkehrssprache auch die Mehrheitssprache Deutsch beeinflussen kann, ist noch weitgehend offen – bisher wurden nur minimale Veränderungen im Deutschen der mehrsprachigen Jugendlichen erfasst.

"La tchatche des cités"
In den Wohnblock-Siedlungen französischer Großstädte hat sich eine eigene, für Außenstehende unverständliche Jugendsprache herausgebildet – eine jeweils charakteristische "tchatche" (Sprechweise) dient zur Identitätsstiftung innerhalb der Quartiere und zur Abgrenzung nach außen. Der Sprachwissenschaftler Jean-Pierre Goudaillier hat ein Wörterbuch dieses "zeitgenössischen Französisch der cités" zusammengestellt. Darin finden sich Wörter arabischen, englischen, afrikanischen, karibischen Ursprungs oder aus Roma-Sprachen, typischerweise im "Verlan"(das heißt, mit vertauschten Silben) – die Ausdrücke spiegeln die triste Lebenssituation und die Aggression wieder, aber auch die Kreativität vieler Jugendlicher. Die dynamische Sprache der "cités" (Siedlungen) wird in Filmen, in der Musik, im Radio und im Fernsehen aufgegriffen, gerne bedient sich auch die Werbung an ihnen. Einige Begriffe haben inzwischen in die französische Alltagssprache Eingang gefunden. (Text: Johann Kneihs)

Buch-Tipps
Inci Dirim / Peter Auer, "Türkisch sprechen nicht nur die Türken. Über die Unschärfebeziehung zwischen Sprache und Ethnie in Deutschland", Verlag Walter de Gruyter, Berlin, ISBN 3110180928

Wörterbuch der Sprache der "cités":
Jean-Pierre Goudaillier "Comment tu tchatches! Dictionnaire du francais contemporain des cités", Verlag Maisonneuve & Larose, Paris, ISBN 2706818093

Links
Université René Descartes - Gespräch mit Jean-Pierre Goudaillier (auf Französisch)
Bonjour de France - eine Einführung in das Francais contemporain des cités für Französisch-Lernende

Einige Grundsatzpapiere der EU zur Integration Drittstaatsangehöriger

Die bisherigen Dokumente der EU, die sich mit einer Verbesserung der Integration Drittstaatsangehöriger beschäftigen sind vor allem:

SEK(91)1855 Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament zum Thema Einwanderung;

COM(94)23 Communication from the Commission to the Council and the European Parliament (Vorschläge für eine gemeinsame Integrationspolitik);

C 323/1994 Entschließung des Europäischen Parlaments vom 27.10.1994 zu Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus;

C80/1996 Entschließung des Rates vom 14.3.1996 über die Rechtsstellung von Staatsangehörigen dritter Länder, die im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten auf Dauer aufhältig sind;

COM(97)387 Convention on Rules for the Admission of Third-Country Nationals to the Member States of the European Union.

In diesem Zusammenhang sei auch auf folgende Richtlinien der EU hingewiesen:

 a) Richtlinie des Rates zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf KOM(1999) 565 und

b)      Richtlinie 2000/43/EG des Rates vom 29. Juni 2000 zur Anwendung des Gleichbehandlungsgrundsatzes ohne Unterschied der Rasse oder der ethnischen Herkunft.

Bei diesen beiden Richtlinien ist jedoch nur ein Geltungsbereich für die Unionsbürger, nicht auch für die Drittstaatsangehörigen innerhalb der EU vorgesehen.


Kriterien Katalog
Rechtliche Behandlung Drittstaatsangehöriger

Wir stellten bereits oben fest, dass im Zusammenhang des Gesamtsystems vor allem hinsichtlich schichtspezifischer Spannungen Kriterienkataloge in drei Bereichen erstellt werden müssten, die für eine ständige und regelmäßige Beobachtung der Ausgrenzungsrade heranzuziehen wären.

a)      Kriterienkatalog zur Messung der Abgrenzungskräfte zwischen Inländern und Drittstaatsangehörigen unter Berücksichtigung der Differenzen im Schichtaufbau des obigen Modells. Generelle Durchschnittsmessungen sind wenig aussagekräftig.

b)      Diskriminierend-polarisierende Manipulation des Konfliktes durch politische Eliten unter Benutzung etwa diskursanalytischer Kriterien nach ARDUÇ-SEDLAK, unter Berücksichtigung der Charta der europäischen Parteien für eine nichtrassistische Gesellschaft;

c)      Kriterien zur Messung der Diskrimierungsstandards in der rechtlichen Behandlung der Drittstaatsangehörigen.

Natürlich bestehen zwischen a), b) und c) klare Zusammenhänge, die über das Gesamtmodell sichtbar werden.

Unter Zugrundelegung bereits bestehender Studien [15] müsste das Gerippe eines Kriterienkataloges für Punkt c) etwa folgende Bereiche umfassen:

Rechtliche Diskriminierungsrahmen

1. Erstberechtigte ("Erstpersonen")

Aufenthaltsrecht  

Allgemeine Regelungen

Aufenthaltstitel:

Erster Titel: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe;

Verlängerung eines befristeten Titels: Verlängerungsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe;

Niederlassungsbewilligung: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe;

Titelunabhängige Aufenthaltsverfestigung: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe.

Beschäftigungsrecht – Zugangsbedingungen auf den Arbeitsmarkt

Quoten und Höchstzahlensysteme;

Erster Titel: Zugangsbedingungen, (Bedarfsprüfung und Prioritätenkataloge), Beschränkungen, Verlustgründe;

Verlängerung befristeter Titel: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe;

Verbesserte Titel: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe;

Bester Titel, Status: Zugangsbedingungen, Beschränkungen, Verlustgründe.

Zugang zu sozialrechtlichen Regelungen

1.3.1. Soziale Rechte: Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Unfallversicherung, Alterspensionsversicherung, Sozialhilfe, Wohnungsbeihilfe, Kinder-, Familienleistungen;

1.3.2. Zivile Rechte: Ausgewählte Grundrechte, Gesetzesvorbehalte, Gleichheitsgrundsatz;

1.3.3. Politischen Rechte: Wahlrecht zu allgemeinen Vertretungskörpern: Nationale Ebene, Regionale Ebene, lokale Ebene; betriebliche Arbeitnehmervertretung.

1.3.4. Zugang zu öffentlichem Dienst

1.3.5. Zugang zur Staatsbürgerschaft: Erstpersonen: Zugangsbedingungen und Verlustgründe; Zugewanderte Familienangehörige.

2. Familienangehörige

2.1. Familiennachzug zu ausländischen oder inländischen Staatsangehörigen

Quote; Mindestwartefrist der Erstperson; Rechtsanspruch der Erstperson. Niederlassungsbewilligung der Erstperson, Antragstellung aus dem Ausland, Unterhalt, Wohnung, Ehebestandsfrist, Altersobergrenze bei Kindern; Nachzug nur zu beiden Eltern¸ Ermessen oder Rechtsanspruch. Zugang von Eltern oder Lebensgefährten.

2.2. Aufenthalts- und Arbeitsmarktzugang von Familienangehörigen.

3. Behandlung der "Assoziationstürken" gemäß Beschluss 1/80 des Assoziationsrates


Umsetzungsstrategien

Dass es sich beim Projekt einer Standarisierung der Messung der rechtlichen Behandlung Drittstaatsangehöriger in der EU nicht um unrealistische Ansprüche zu hoher Komplexität handelt, zeigen bisherige Studien mit derartigen Standards, auf deren Struktur unmittelbar aufgebaut werden könnte. So hat etwa das Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung folgende Studie herausgebracht: Harald Waldrauch "Ausländerrechtssysteme in sieben europäischen Staaten: ein Vergleich mit Hilfe des 'Index der rechtlichen Integrationshindernisse'" (waldrauch@euro.centre.org und http://www.euro.centre.com ).

Um die Diskriminierungsgrade in den einzelnen Mitgliedsstaaten zu evaluieren, wären derartige Vergleichsstudien übergreifend in ausreichend differenzierter Form zu erstellen bzw. bereits vorhandene Studien durch die Kommission auszuwerten. Der Endbericht des Projektes des Europäischen Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung und des Instituts für Höhere Studien, durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Verkehr mit dem Titel: "Rechtliche Instrumente der Integration von Einwanderern im europäischen Vergleich: Ansätze – Entwicklungen Perspektiven " stellt zweifelsohne ein Musterverfahren dar, aus dem in unterschiedlicher Komplexitätsdichte Kriterien herausgefiltert werden können [16] .

Ein OECD-Papier DEELSA/ELSA/WP2(99)8 'Comparative Analysis of Legislation and Procedures govering the Immigration of Familiy Members in certain OECD-Countries' enthält ebenfalls brauchbare Kriteriensysteme.

Für die Erstellung regelmäßiger Vergleichsberichte etwa durch die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Rahmen des Kategorienstandards gibt es zwei praxisbezogene Möglichkeiten:

a)   Vergabe eines einschlägigen Projektes unter Vorgabe der Kriterien zur Lieferung regelmäßiger Berichte;

b)   Vergabe eines einschlägigen Projektes an eine Stelle, die bereits bisher derartige Erhebungen durchführte, über die entsprechende theoretische und kommunikative Infrastruktur verfügt und im Rahmen vorgegebener Kriterienrahmen konzise Übersichtsauswertungen für Jahresberichte erstellen kann.

Die Ideologiemilieus der Forschungs- und Betreuungseinrichtungen

"Er hat sich zwischen alle Sessel gesetzt." Redensart

"Nur wer sich zwischen alle Sessel setzt, kann den ganzen Raum erkennen. Die auf den Sesseln sitzen, werden allerdings sagen, er sitze auf einem anderen Sessel." Variante einer Redensart

Gravierenden Tabus begegnet der "neutrale" Beobachter bei der Untersuchung der Spannungen und Konflikte, die sich zwischen den verschiedenen heimischen "Forschungs- und Betreuungseinrichtungen" infolge ihrer unterschiedlichen Ideologiemilieus ergeben.

Um die von uns geschilderten Probleme der "Integration" der MigrantInnen bis zu einem gewissen Grade abzuschwächen, sind mit staatlicher Unterstützung unterschiedliche "Forschungs- und Betreuungseinrichtungen", teilweise auch mit öffentlichen Ressourcen ausgestattet, dafür vorgesehen, in dem Konfliktfeld zwischen den heimischen Unterschichten und Migrantenschichten eine dämpfende Pufferwirkung zu erreichen. Diese Betreuungstätigkeit hat einerseits bevormundend paternalistische Züge und ist andererseits von den politischen Institutionen, die sich derselben bedienen, weitgehend so konzipiert, dass an der strukturellen sozialen Benachteiligung, Ausgrenzung und Unterschichtung der MigrantInnengruppen nichts geändert wird, um nicht durch zu weitgehende Zugeständnisse an die Wünsche der Migranten inländische Wählerschichten zu verlieren. So sind Vertreter von Betreuungsinstitutionen, welche in der Öffentlichkeit zu weitgehende Forderungen zugunsten der MigrantInnen (z. B. im Wohnungsbereich) stellten, aus ihren Funktionen wegen "Dissidenz" entfernt worden. Diese Tendenzen führten daher bei diesen Einrichtungen zu einer domestizierenden Rücknahme bestimmter, gerechtfertigter Forderungen hinsichtlich der sozialen Lage der MigrantInnen. Die NGOs und sonstigen Betreuungseinrichtungen stehen daher in der geschilderten Pufferzone einerseits im Druck ihrer politischen Geldgeber, andererseits sind sie den Vorwürfen der MigrantInnen ausgesetzt, die sie mit ihren, aus ihrer Sicht gerechtfertigten, Forderungen konfrontieren und sie der mangelnden Durchsetzung ihrer Interessen zeihen.

Dazu gesellt sich jedoch eine weitere ernste Konfliktlinie. Die genannten Forschungs- und Betreuungseinrichtungen und NGOs sind nämlich ideologisch in sehr unterschiedlichen Lagern beheimatet, und befinden sich daher untereinander in einer, für die gesamte Gesellschaft der Einheimischen typischen ideologischen Konfliktsituation und Verteilung. Dies führt zu der bedauerlichen Tatsache, dass diese Einrichtungen zum einen in ihren Vorstellungen über die Fragen der politischen und sozialen Behandlung der von uns dargestellten Probleme der MigrantInnen ideologisch äußerst differente und nicht kompatible Strategien verfolgen, sich aber zum anderen auch gegenseitig möglichst, soweit es ihnen machtpolitisch möglich ist, vom Zugang zu den Ressourcen, die für Forschung und Betreuung der MigrantInnen zur Verfügung gestellt werden, auszuschließen versuchen. Es kommt daher zu einer ideologiepolitisch differenzierten Konkurrenzsituation in der Frage des Zugangs zu Ressourcen für Forschung und Betreuung. Verweigert schon die Gesellschaft im allgemeinen klare Strategien des Umgangs mit den MigrantInnen, so ist im Feld der "Stellvertreter der Gesellschaft" in dieser Pufferzone die Frage des Umgangs mit den MigrantInnen ideologisch aufgeladen und konfliktträchtig. Diese Konflikte äußern sich natürlich nicht in offenen Linien, sondern in Taktiken der gegenseitigen Ausgrenzung, Verschweigung, Ausklammerung und stillen Konkurrenz um die knappen Ressourcen. Dies reicht von subtilen Verweigerungsstrategien bei der Verteilung der Forschungsaufträge über Zitierkartelle im Wissenschaftsbetrieb bis zu Ausgrenzungen und Kollisionen und gegenseitigen Entwertungen in der praktischen Arbeit. Auch die Vorfeldorganisationen der Gesellschaft stehen daher in einer gegenseitigen ideologischen Diskriminierung, welche sie der Gesellschaft gegenüber den MigrantInnen vorwerfen. Die Ideologiemilieus der Gesamtgesellschaft finden sich im Kleinmodell in den Forschungs- und Betreuungseinrichtungen wieder.

Schließlich ist zu beachten, dass in den heimischen Vorfeldorganisationen auch MigrantInnen beschäftigt werden. Hier zeigt sich jedoch, dass die letzteren bis auf wenige Ausnahmen nur in untergeordneten Positionen tätig werden dürfen, die leitenden und politisch entscheidenden Posten jedoch Einheimischen vorbehalten bleiben, eine gerade in diesem sensiblen Felde beachtliche weitere Diskriminierung. Bei MigrantInnen-Vertretern entsteht daher häufig der Eindruck, sie würden lediglich instrumentalisiert.

b) Schluss mit der Bevormundung durch die "Gutmenschen" – Neue pressure groups

Die Summe dieser Verhaltensweisen der heimischen Vorfeldorganisationen und –Einrichtungen hat bei zahlreichen Gruppen der MigrantInnen zu einem wachsenden Unmut geführt, der letztlich in folgender, von Personen ihrer intellektuellen Eliten artikulierten Haltung mündete: "Verzicht auf die Bevormundung durch 'Gutmenschen'". Die paternalistische Vorgabe und Definition dessen, was die MigrantInnen an "Integration" zu leisten hätten, die theoretische und praktischer Verfügung über ihre Identität, die hinhaltende Taktik ohne Veränderung der geschilderten rechtlich-politischen Ausgrenzung und Unterdrückung führen zu radikaleren, selbstbewussten Organisationen der MigrantInnen außerhalb der  paternalistischen Vorfeldorganisationen, zu denen sie sich in Opposition stellen.

"Nachdem die Beratungsstellen und Betreuungseinrichtungen die Stellung der MigrantInnen in der Gesellschaft kaum verbessert haben, setzt jetzt eine Debatte über die Ursachen des Übels ein. Die Zuständigen für die Integration führen die gegenwärtige Situation auf die mangelnden Sprachkenntnisse der MigrantInnen, auf deren Unwillen, sich anzupassen, zurück. Als Lösung fordern sie mehr Plakate, um die ÖsterreicherInnen zu überzeugen, dass ein 'Miteinanander' unvermeidlich und nett ist. Und für die MigrantInnen fordern sie obligatorische Deutschkurse. Die MigrantInnen selbst sehen die Schuld hingegen in der Gesetzgebung, in einer restriktiven und diskriminierenden Ausrichtung der Gesetze, die innerhalb der großen politischen Parteien auf Konsens stießen. Sie wollen eine Aufhebung des Ausländerbeschäftigungsgesetzes, des Fremdengesetzes, sie wollen als Zivilbevölkerung einer Zivilbehörde unterstellt werden, und nicht, wie bis heute, der Fremdenpolizei. Und sie wollen ein Wahlrecht haben" (Ljubomir Bratic in einer Dokumentation der Vierten Österreichischen Armutskonferenz 2000; vgl. auch: http://www.wwp.at/ ).

Sehr treffend charakterisiert dies auch Hakan Gürses in seinem Aufsatz: "Sprechen und Handeln"; Stimme von und für Minderheiten, Nr. 39,II 2001.

"Soll nun nicht mehr über das weltweit zu beobachtende gesellschaftliche Phänomen Migration diskutiert werden, weil eine solche Rede soziale Konstrukte nach sich zieht? Ist das nicht eine zu undifferenzierte Forderung? Macht es nicht einen großen Unterschied, WER darüber spricht? Der politische Wunsch aller Minderheiten, nicht stets der Gegenstand einer paternalistischen Rede zu sein, sondern als sprechende (mitbestimmende, die eigenen Anliegen selbst formulierende ) Subjekte wahrgenommen zu werden, legt die Relevanz dieser Frage nahe. (Selbst-) Repräsentation ist und bleibt eine der wichtigsten Komponenten moderner Politik in pluralistischen Demokratien. 

Im weiteren thematisiert Gürses aber auch feinsinnig weitere Fragen:

" Das Subjekt der Rede kann aber die Performität  der Sprache nicht beliebig beeinflussen oder gar abschaffen. Dass hier der/die "Betroffene" spricht, besagt nicht von vornherein, dass sein/ihre Rede auch vor der Produktion und Reproduktion der sprachlichen Konstrukte gefeit ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass die "Subjekte", mit denen sich die Minderheiten identifizieren, ebenso sprachlich-performative Konstrukte sind und zumeist auf Fremdzuschreibungen beruhen.

Für die politische Arbeit der Minderheiten ist die performative Rolle der Sprache dennoch von größter Bedeutung: sowohl als Teil ihrer Kritik an der öffentlichen "Rede über Minderheiten" als auch als ein Schauplatz ihrer politischen Anstrengungen für Anerkennung und Gleichbehandlung. Mag sein, dass menschliches Sprechen nicht jene göttliche Macht hat, eine neue Welt zu schaffen. Es ist aber mächtig genug, Minderheiten in der öffentlichen Wahrnehmung zu verorten. Allein aus diesem Grund ist es unerlässlich, die tätige Seite des Sprechens sichtbar zu machen und eigene sprachliche Strategien zu entwerfen."

c) Ethnizistische Vereine und Organisationen der MigrantInnen

Das Spektrum wird durch seit längerer Zeit bestehende spezifisch stärker ethnisch orientierte Vereine und Organisationen türkischer, kroatischer, serbischer, albanischer und anderer Gruppierungen ergänzt, die teils "links" teils "rechts" orientiert, eher eine Erhöhung der jeweiligen Ethnizität zum Zwecke von Identitätsstabilisierungen verfolgen. Es ist klar, dass diese Gruppierungen mit den MigrantInnen-Gruppierungen unter b) ideologisch kollidieren, und dass daher vor allem bei der Frage der "legitimen Vertretung der Interessen" einer bestimmten sich ethnisch definierenden Gruppe künftig innerhalb der ethnischen Gruppierungen selbst und im Verhältnis zu den Gruppen in a) neue inhaltliche Konflikte und politisch-taktische Steuerungsprobleme auftauchen werden.

Eine grobe Übersicht über diese ideologischen Spannungen aller "Forschungs- und Betreuungseinrichtungen" zeigt die folgende Skizze:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Überwindung derartiger, durch Ideologien bedingter Konflikte auch in den Milieus derjenigen Organisationen, die gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung von MigrantInnen tätig sind, werden sicherlich kurzfristig nicht behebbar sein, da sie Zustände von Ideologiekonflikten des Gesamtssystems spiegeln. Letztlich wird erst die allmähliche Einführung der Universalprinzipien des Grundrechtskataloges diese Konfliktstrukturen beheben. Die Ideen herrschaftsfreier Kommunikation, wie sie APEL und HABERMAS entwickelten, sind hiefür noch unbestimmte Vorboten.

Eine ausgezeichnete Übersicht über die ideologischen Milieus der Migrantenorganisationen in Wien liefert die Studie von Waldrauch und Sohler (2004), worin Entstehung, Strukturen und Aktivitäten von 554 Migrantenorgansiationen erfasst und wissenschaftlich analysiert wurden. Das Buch stellt eine wichtige Unterlage für die Erfassung der von uns dargelegten Ideologiemilieus dar und zeigt vor allem das breite und lebendige Spektrum  der Organisationen, die, der Öffentlichkeit der Mehrheitsgesellschaft kaum bekannt, für die Identitätsprofile der MigrantInnen wichtige Beiträge leisten.

Literatur

Arduç-Sedlak, Maria: Einfach menschlich? Vortrag beim 2. Round-Table des EUMC 1999.  

Bauböck,Rainer/Rundell,John (Hg.): Blurred Boudaries: Migration, Ethnicity, Citicenship. Aldershot, Brookfield, Singapore, Sydney 1998.

Fassmann, Heinz/Matuschek, Helga/Menasse, Elisabeth (Hg.): abgrenzen, ausgrenzen, aufnehmen. Klagenfurt 1999. Abgekürzt FMM99.

Heckmann, Friedrich: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Stuttgart 1992.

Herzog-Punzenberger, Barbara: Die zweite Generation an zweiter Stelle? Zentrum für Soziale Innivation. Wien 2003.  

Davy, Ulrike: Die Integration von Einwanderern. Band 1. Rechtliche Regelungen im Europäischen Vergleich. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Wien 2000, Frankfurt 2001.

Pflegerl, Siegfried: Gastarbeiter zwischen Integration und Abstoßung. Wien/München 1977.

Waldrauch, Harald: Die Integration von Einwanderern. Band 2. Ein Index legaler Diskriminierung. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Wien 2000. Frankfurt 2001.

Waldrauch, Harald, Karin Sohler: Migrantenorganisationen in der Großstadt. Entstehung, Strukturen und Aktivitäten am Beispiel Wien. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Wien. Frankfurt, New York 2004.

Wodak, Ruth/Van Dijk Tein, A.: Racism at the Top. Paliamentary Discourses on Ethnic Issues in Six European States. Klagenfurt 2000. darin:

Sedlak, Maria: You really do make an Unrespectible Foreigner Policy. Discourse on Ethnic Issues in the Austrian Parliament.

 

Hinweise:

Zum Thema erschienen im Peter Lang Verlag http://www.peterlang.net/all/index.cfm in der Reihe des Ludwig Boltzmann Institutes für Anthropologische Studien in Wien:

S. Pflegerl: Die Aufklärung der Aufklärer. Universalistische Ideologie- und Rassismuskritik. ISBN 3-631-36946-8.

S. Pflegerl: Ist Antisemitismus heilbar? Zur Bearbeitung einer fatalen Tradition. ISBN 3-631-37202-7.

S. Pflegerl: K. C. F. Krauses Urbild der Menschheit. Richtmaß einer universalistischen Globalisierung. Kommentierter Originaltext und aktuelle Weltsystemanalyse. ISBN 3-631-50694-5.


[1] Eine Mitteilung der Kommission : "Ein Europa schaffen, das alle einbezieht" (Kom(2000)79), berichtet unter 2.1 über die Armutsphänomene und schichtmäßige Gefährdung relevanter Bevölkerungsschichten in der EU (Armutsquoten von 11 24%). Darin werden die Labilisierungen und Desozialisationsprozesse in bestimmten Schichten sichtbar.

[2] Treffend wird dies von DORNMAYR in FMM99 beschrieben: "In gewisser Weise verbirgt sich damit hinter Fremdenfeindlichkeit ein Konflikt um Macht und Herrschaft sowie um reale und vor allem symbolische Ressourcen und Territorien (etwa den öffentlichen Raum). Die Grundlage ethnischer Konflikte sind sogenannte Nullsummenkonflikte um die Positionsgüter der Herrschaft und Legitimation, durch die Definitionsmacht über die soziale Bedeutung von Ressourcen oder Alltagsgestaltung, also insbesondere des kulturellen und sozialen Kapitals kontrolliert werden"

[3] Der aggressive Antisemitismus in der Ersten Republik, von den Ideologien formuliert, gedieh dagegen vor allem in den Schichten von desozialisierten Akademiker, Beamten und deren Kindern auf den Universitäten, sowie bei Händlern und Gewerbetreibenden, welche sich durch neue Produktionsformen bedroht fühlten. Der Rassismus hatte deutlich andere Schichtverteilungen.

  [4] Der Antisemitismus konnte stets auf den Fundus des in der Bevölkerung traditionell etablierten religiösen Antisemitismus zurückgreifen; historische Vorurteile gegen den Islam waren aus den Konflikten mit dem Osmanischen Reich verfügbar, auch als es keine Türken in Österreich gab.

  [5] Charta der Europäischen Politischen Parteien für eine nichtrassistische Gesellschaft http://www.migpolgroup.com/politparties/charterdu.html .

[6] Hier ist natürlich immer von den "Drittstaatsangehörigen niederen Ansehens" die Rede.

[7] Z.B. PFLEGERL (1977) mit den dort zitierten empirischen Studien. Im Folgenden immer wieder Studien des IFES Institutes, PELINKA usw.

[8] Vgl. hierzu DAVY und WALDRAUCH, 2000.

  [9] Die derzeitige Minoritätentheorie kennt folgende Fälle der Lösung des hier aufgezeigten Bezugskonfliktes zwischen zwei Systemen: 1. Assimilation, 2. Überanpassung, 3. Herkunftsorientierung, 4. Marginalität, 5. Duale Orientierung (bikulturell), 6. Politisierung zugunsten der Minderheit (HECKMANN 1999). Im hier vorgelegten Modell werden alle diese Varianten sowohl integriert als auch in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang aufgenommen, der bisher in der Analyse weitgehend fehlt. Überdies sind die Schwankungen in den Grundsätzen der Integrationspolitik, die etwa PERCHINIG in FMM99, S.161 f. für Birmingham aufzeigt, in ihren inhaltlichen Qualitäten sichtbar.

[10]  Universalistischer Humanismus und Sozialismus

Weit entfernt sind die modernen Gesellschaften noch von einem universalistischen Humanismus. Hier nur eine Fußnote hierzu:

Wie ist die gesellschaftliche Spannung zwischen den untersten heimischen grünen Schichten und den "blauen" oder "roten" Ausländerschichten im erwähnten realen Ressourcenkonflikt "da unten" durch jene "da oben" "antirassistisch" zu lösen? Die bisherige Entwicklung ist bekannt. Eine populistische Partei stellt in Aussicht, die Spannung für die Inländer durch Reduzierung der Ausländer und ihrer "Rechte" zu lindern. Dieser Perspektive ist aus den oben erwähnten Gründen Wahlerfolg beschieden. Die Eliten der sozialistischen Parteien und demokratisch linken Gewerkschaften und sonstigen Arbeitnehmerorganisationen einerseits und der konservativ christlichen politischen Parteien und Organisationen andererseits wähnen sich als Repräsentanten der heimischen Fach- und Hilfsarbeiter- bzw. Angestelltenschichten gezwungen, die in ihren Konzepten enthaltenen universalistischen und internationalistischen Humanitätskonzepte, die teilweise bereits in die Wertestandards der Europäischen Gemeinschaft Eingang gefunden haben, im Rahmen ihrer Interssenvertretung erheblich zu reduzieren und damit die Ausgrenzung der Minoritäten zu erhalten. Der Ausgrenzungsdruck wird hiedurch weiter legitimiert und verstärkt. (Konzise werden diese Mechanismen dargestellt etwa bei: ARDUÇ-SEDLAK).

Was sind universalistische Humanitätskonzepte? In unserem Zusammenhang: Farblose menschliche Grundwerte, wie sie im Grundrechtskatalog von Cathrin Horner dargestellt sind.  Sie stehen jenseits jeder Färbung eines sprachlichen, kulturellen, politischen wirtschaftlichen Systems allen Menschen in allen farbigen Systemen zu. Sie finden sich in allen Religionen zumindest rudimentär verankert wenn auch nicht in den gesellschaftlichen Etablierungen derselben und in bestimmten philosophischen Systemen präzise elaboriert (z.B. Krause). Die Menschenrechtskataloge und die Wertekataloge der Europäischen Gemeinschaft stellen hierzu erst eine Vorstufe dar.

Was ist Toleranz? Theoretische und praktische Anerkennung und gesellschaftliche Umsetzung dieser farblosen Grundwerte für jeden Menschen und aus diesen Positionen heraus eine friedliche Balance und Anerkennung unterschiedlicher (grüner, blauer, lila, oranger usw.) wirtschaftlicher, sprachlicher, politischer und kultureller Werte des anderen.

[11] Die Probleme der Umsetzung liberalerer Grundsätze in Hamburg erscheinen illustrativ.

[12] Hier ist wiederum die Spaltung ethnischer Bevölkerungen zu beachten. " Die Verbände der größten Bevölkerungsgruppen (in Hamburg) sind entsprechend der ethnischen oder politischen Konfliktlinien ihrer Herkunftsländer gespalten. Zwischen einzelnen Verbänden und den Begegnungsstätten bestehen Arbeits-, in manchen Fällen aber auch Konfliktbeziehungen" PERCHINIG in FMM99, S. 187.

  [13] In Waldrauch, 2000

  [14] Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen den Rechten der Volksgruppen und den "neuen Minderheiten" vgl. etwa die Punkte 20 f. des "Weisenberichtes" vom 8. September 2000.

  [15] Vgl. insbesondere Waldrauch, 2000.

[16] Vgl. hierzu DAVY und WALDRAUCH, 2000.